Marie Jacquot rettet 4. Sinfoniekonzert der Staatskapelle
Einen offiziellen Titel wie »Gastdirigentin« hat sie (noch) gar nicht, aber langsam wird Marie Jacquot zur Lieblingseinspringerin bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Schon einmal hatte sie – damals für Christian Thielemann – Konzerte einer Gastspielreise übernommen, jetzt war sie ähnlich kurzfristig zur Stelle, als Daniele Gatti absagen mußte. Dabei hatten die Proben mit Daniele Gatti schon begonnen – knapper geht es kaum. So waren zwei Dinge klar: Gustav Mahlers sechste Sinfonie, die der Chefdirigent im Rahmen seines Zyklus mit der Kapelle aufführen und aufzeichnen möchte, verschiebt Daniele Gatti in einen Nachholtermin. Das neue Programm wiederum konnte kaum extravagant werden, denn eine lange Einstudierung war nicht möglich. Also eher Repertoirestücke des Orchesters in frischer Kombination. Trotzdem blieb »subito con forza« erhalten, schon deshalb wichtig, weil es ein Beitrag der aktuellen Capell-Compositrice Unsuk Chin ist.

An den Anfang hatte Marie Jacquot etwas gesetzt, was derzeit ohnehin auf dem Opernspielplan steht und leichter abrufbar ist: Engelbert Humperdincks Ouvertüre zu »Hänsel und Gretel«. Am Montag entstand sogleich eine Opernspannung, die zwischen Bläsern und Streichern beschworen wurde. Dicht und dramatisch, andererseits flexibel und wandelbar – hier zeigte sich die Handschrift der nicht zuletzt opernerfahrenen Dirigentin, die im Januar die Premiere von »Dialogues des Carmélites« (Francis Poulenc) in der Semperoper übernehmen wird.
Eine Folge des kurzfristigen Wechsels war, daß es keine Programmhefte gab. Der einseitige, gefaltete Ersatzzettel geriet dennoch etwas zu knapp. Einerseits helfen Satzangaben, den unerwünschten Applaus mittendrin zu unterdrücken, andererseits wären ein paar Informationen zum Werk der Capell-Compositrice wünschenswert gewesen. »subito con forza« (plötzlich, mit geballter Kraft) entstand zum Beethovenjahr 2020 und spielt frei mit Zitaten des großen Komponisten, führt diese aber weniger im Sinne einer Parodie oder Improvisation weiter, sondern zieht aus den Impulsen neue (kraftvolle) Schübe und Reflexe. Ein Beethoven-Akkord, der gleich zu Beginn zerfällt, aus dessen »Splittern« aber neue Facetten entstehen. Ein Werk, wie gemacht für ein so klangvolles Orchester, das bis ins Klavier und die Schlagwerke forscht und formt. Die kurze Phantasie, die allzuschnell verlosch, ließ vor allem mit dem staunen, was für Musik so wesentlich ist – einem berührenden Klang.
Davon bietet Richard Strauss ebensoviel. Auch er gehört zum Repertoire der Sächsischen Staatskapelle, doch »Till Eulenspiegels lustige Streiche« Opus 28 ist nicht unbedingt das, was man einfach »abspielbar« parat hat. Darin verbinden sich mit dem typischen Strauss-Klang des Orchesters unzählige Bläsersoli durch alle Gruppen, die jedoch blitzsauber präsentiert und ins Orchester eingeschlossen waren – sagenhaft! Hier wurden Till Eulenspiegels sagenhaft freche Streiche ebenso spürbar wie die Angst, die mancher davon vielleicht auslöste, oder das heimliche Anschleichen in der Vorbereitung der nächsten Schandtat. Orchesterdirektorin Annekatrin Fojuth möchte Stücke wie diese stärker im Repertoire verankern, was nur nachvollziehbar ist, weil die Sächsische Staatskapelle hier eben mit ihrer stärksten Eigenschaft »punkten« kann, eben dem Klang. Fabelhafte Solisten haben andere auch, aber das allein macht keinen Strauss.
Auch keinen Brahms. Johannes Brahms vierte Sinfonie wird wohl kaum jemand als »Lückenbüßer« ansehen, zu kostbar ist das Stück, das in der Wertigkeit Mahlers Verlust aufwog. »Allegro non troppo« bezeichnet den ersten Satz eigentlich unvollständig, denn er beginnt mit lächelnder Attitude wie eine Serenade, gewinnt an innerer Ruhe, von wo das Werk aber von einem Paukenwirbel (immer wieder ein Aktivposten an diesem Abend) erweckt wird. Das Andante mit seinem zwischen Holz- und Blechbläsern pendelnden Thema führte einerseits ein feines Piano zu getupften Pizzicati vor, andererseits verband Marie Jacquot dies mit einer schlanken, wiewohl kraftvollen, präzisen Darstellung.
Auch den tragisch anmutenden Beginn Allegro energico e passionato – Più Allegro erfrischte wieder ein Paukenwirbel, während der Blechbläserchor kurz Wagners Akkorde aufzugreifen schien. So wurde das Einspringen zu einem klangsinnlichen Erlebnis!
Marie Jacquot übernimmt nicht nur die Opernpremiere im Januar, sondern kommt planmäßig im Juni für das 11. Sinfoniekonzert zur Sächsischen Staatskapelle zurück (mit Augustin Hadelich / Violine, Programm: Beethoven, Violinkonzert und Bartók, Konzert für Orchester).
16. Dezember 2025, Wolfram Quellmalz