Weihnachtliches Feuerwerk

Collegium 1704 mit einer Weihnachtskantate und einem Magnificat

Einerseits sind Ensemble wie das Collegium 1704 in der Regel um ihren Leiter herum »gebaut«, andererseits bedeutet dies nicht, daß sie nach einer einzelnen Handschrift oder Lesart klingen müssen und keine Abweichung vertragen. Im Gegenteil sorgen gerade prägende Leiter dafür, daß ihre Orchester oder Chöre reifen und eine eigene Identität entwickeln, die auch dann erhalten bleibt und als Basis dient, wenn einmal ein anderer Dirigent kommt. Das gilt für das Collegium 1704 ebenso wie zum Beispiel für den Dresdner Kammerchor – wenn einmal ein anderer am Pult steht, bleibt der jeweilige Chor wiedererkennbar. Beim Collegium 1704 haben in der Vergangenheit unter anderem Lars Ulrik Mortensen, Hans-Christoph Rademann und Peter Dijkstra Gasttermine wahrgenommen, auch Pablo Kornfeld, sonst an der Orgel als »Kopf« des Basso continuo tätig, übernahm schon Leitungsaufgaben.

Am Dienstag war die Reihe an Tomáš Netopil – etwas ungewöhnlich vielleicht zunächst, weil man ihn aus der Semperoper kennt, aber in Dresden noch nicht so stark in der Alte-Musik-Szene verortet. Dabei arbeitet er schon lange mit Ensemble wie dem Concentus Musicus Wien zusammen. Für seinen Auftritt auf der Musikbrücke Prag – Dresden in der Annenkirche hatte Tomáš Netopil zwei festliche Werke ausgewählt, mit denen man ein musikalisches Feuerwerk entfachen kann: Johann Sebastian Bachs für den ersten Weihnachtstag geschriebene Kantate »Christen, ätzet diesen Tag« (BWV 63) sowie das Magnificat Wq 215 vom Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel. Um es gleich vorwegzunehmen: das versprochene Feuerwerk lösten die Prager Musiker wieder zuverlässig ein.

Sandro Botticelli »Madonna del Magnificat« (Tondo: Madonna mit dem Jesuskind, Tempera auf Holztafel, Durchmesser: 118 cm, ca. 1483), Galleria degli Uffizi, Florenz, Bildquelle: Wikimedia commons

Johann Sebastian Bachs Kantate ist zwar eine der wichtigen, tritt in der Wahrnehmung und der Aufführungshäufigkeit aber deutlich hinter das Weihnachtsoratorium des Thomaskantors zurück. Dabei kann das Werk mit seiner Besetzung (Blechbläser und Pauken) durchaus binnen kurzem die festlichste Stimmung verbreiten.

Tomáš Netopil setzte von Beginn jedoch nicht allein auf eine prächtige Darstellung, sondern gestalterische Akzente, wie einen in der Wiederholung gestuft leiser werdenden Chor am Beginn der Kantate. Instrumental auffällig war die herausgehobene Strahlkraft der Bläser – keine Posaunen, dafür aber vier (!) Trompeten!

Unter den Solisten waren neben den bekannten Name von Tereza Zimková (Sopran), Ondřej Holub (Tenor) und Tomáš Šelc (Baß) Altistin Jarmila Vantuchová erstmalig dabei. Sie fiel mit einer vergleichsweise opernhaften Gestaltung auf, allerdings ist Bach in seiner Kantate sehr frei mit den Rezitativen umgegangen, die eher einem accompagnierenden Stil folgen als schlichte Erzählpassagen ausfüllen. Die Arien wiederum sind als Duette angelegt (Sopran / Baß und Alt / Tenor), die teilweise große Kontraste aufwarfen, vor allem aber mit gestalterischer Kraft vorgetragen waren. Selbst wenn die Stimmlage einen Kontrast nicht vorgab, sorgte Tomáš Netopil für eine lebhafte, aufregende Darstellung, und sei es durch Tempi der tremolierenden Streicher (Duett »Ruft und fleht den Himmel an«). Der Chor des Collegium Vocale 1704 stand dem, am Schluß fugiert, nicht nach.

Der Kantate stand das Magnificat von Carl Philipp Emanuel Bach gegenüber – von wegen »empfindsame Zeit«! Obwohl Carl Philipp Emanuel sonst geradezu beispielhaft für den galanten Stil gilt, zeigt sein Lob-, ja Jubelgesang, daß er offenbar das Bedürfnis nach einem »musikalischen Feuerwerk« kannte. (Wer mag, vergleiche sein Werk mit dem Magnificat BWV 243 des Vaters.) Die lichte Überhöhung trat hier noch deutlicher hervor, beim Chor ebenso wie beim Sopran. Ohnehin ist Tereza Zimková brillante Stimme für derartige Höhen wie geschaffen. Auffällig waren aber auch hier die Kontraste, nur daß sie diesmal teilweise in einer Stimme lagen, wie bei Tomáš Šelc, der sich enorm weit nach oben schwingen und kurz darauf bis in baritonale Tiefe fallen mußte (wie am Ende er ersten Zeile in der Arie »Quia fecit mihi magna« / »Er hat großes an mir getan«).

Hatten in der Kantate die Oboen Akzente in der Sängerbegleitung gesetzt, waren es nun die Traversflöten in der gleichen Funktion. Immer wieder aber gestalteten Solisten und Chor eindrucksvolle Affektwechsel, wie im Chor »Et misericordia eius« (Er erbarmt sich), dessen knappe Zeilen in der Wiederholung unterschiedlich verarbeitet wurden, wie auch die beiden Schlußchöre durch solche eine Überleitung verbunden waren.

17. Dezember 2025, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Musikbrücke Prag – Dresden: 27. Februar »Meister der Wiener Symphonie«

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