Weihnachten mit dem Dresdner Kreuzchor

Heiligabend und 1. Feiertag in der Kreuzkirche

Im Dezember stehen wohl die meisten Dienste im Kalender der Kruzianer. Ein paar programmatische Überschneidungen erleichtern das Pensum, so gehörte zu Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag »Stille Nacht« ebenso unverzichtbar ins Programm von Christvesper und -mette, wie beide Andachten mit einem gemeinsam mit der Gemeinde gesungenen »Oh Du Fröhliche« endeten. Titel wie »Vom Himmel hoch« oder »Joseph, lieber Joseph mein« erklangen ebenfalls beide Male, trotzdem gab es selbst bei Wiederholungen noch Änderungen, weil sich Chorsatz oder Ablauf unterschiedlich, denn der Ablauf prägt über eine simple Programmauswahl hinaus den Nachmittag bzw. Morgen.

Conrad von Soest »Die Geburt Christi« (Tempera auf Holz, 73,5 x 60,5 cm, 1404),Teil des Altars der Passion Christi, St. Nikolaus Kirche Bad Wildungen, Bildquelle: Wikimedia commons

Es ist schon verblüffend – 54 Jahre nach dem Tod von Rudolf Mauersberger und fünf Kreuzkantoren später ist der in Mauersberg gebürtige Chorleiter und Komponist nicht nur eine markante Figur in der Geschichte des Kreuzchores, sondern hält mit seinen Werken sozusagen lebendigen Anteil. Die Gestaltung von Christvesper und Christmette gehört dazu – selbstverständlich sorgsam und mit kleinen Anpassungen gepflegt.

Ganz offensichtlich hatte Rudolf Mauersberger nicht nur eine konkrete Dramaturgie für die beiden Anlässe zum Ziel gehabt, sondern mannigfaltige Rollen für seine Kruzianer vorgedacht, von Solisten über kleine Chorgruppen bis zur Darstellung des Krippenspiels. Je nach gewünschtem Anlaß, Tageszeit, Kreis der Begleiter und nicht zuletzt der eigenen Tradition folgend konnte jeder zwischen Christvesper und Christmette wählen – der Zustrom zur Vesper ist stets größer, weshalb sie auch in diesem Jahr zweimal stattfand. Die frühe Mette nötigt dagegen zum zeitigen Aufstehen, bietet aber neben dem Krippenspiel zum Weihnachtstag auch einen sonst noch geschlosseneren Rahmen.

Über dreißig Solisten und Rollen gab es allein schon in der Vesper, dazu zwei Kruzianer mit Gitarre. Ludwig Haenchen, Rudolf-Mauersberger-Stipendiat, spielte am Mittwochnachmittag die Orgelbegleitung, am Donnerstag in der Früh leitete er die Kurrende, die nicht nur auf dem Hauptschauplatz im Altarraum auftrat, sondern inklusive des Krippenspiels einen Großteil der Mette gestaltete – Kreuzkantor Martin Lehmann stand mit wachsamen Auge und Ohr auf der Chorempore.

Das Ergebnis war beide Male stimmungsvoll, zur Mettenzeit noch ein wenig umwerfender in der Wirkung, nicht zuletzt, weil hier seitens der Gemeinde noch mehr Ernsthaftigkeit herrschte – die Vespern sind traditionell für viele der Höhepunkt vor der Bescherung am Heiligen Abend und werden entsprechend in Familie wahrgenommen, was aber einer größeren Unruhe zur Folge hat.

Die Stimmung trübte das aber kein Jota, schließlich gehören Kinder zum Weihnachtsfest. An beiden Tagen waren Kreuzorganist Holger Gehring und Musiker der Dresdner Philharmonie beteiligt, die am Mittwoch in vielen Werkfassungen mit Orgel, Schlagwerk, Bläsern und Celesta, mit Blechbläsern und Pauken oder ähnlich reichhaltigen Besetzungen den musikalischen Festglanz unterstrichen. Rudolf Mauersberger hatte Werke dafür in den »Turmgesängen der Kruzianer« eingerichtet. Die Evangeliensänger (unterschiedliche Solisten in beiden Aufführungen) stellten die Weihnachtsgeschichte lebhaft dar, dazwischen gab es kleine Höhepunkte von Liedern wie »Joseph, lieber Joseph mein« (mit Oboe), die aber in den Gesamtablauf eingeschlossen blieben. Spürbar strebte die Vesper auf einen Höhepunkt zu. Den stärksten, weil geschlossensten Eindruck vermittelte nach der dritten Lesung (»Und der Engel sprach zu ihnen«) das jubelnde »Ehre sei Gott in der Höhe«, »Jauchzet, ihr Himmel« und »Vom Himmel hoch, oh Engel kommt«.

Der frühe Morgen des Weihnachtstages bot neben der »aufgeregten Ruhe« (oder Vorfreude) über das Krippenspiel hinaus den Eindruck des kommenden Lichtes, dessen zunehmende Helligkeit in den Verlauf eingebunden war. Aus dem Glockengeläut der Kreuzkirche brach der Tag mit Rudolf Mauersbergers Introitus »Es jauchze der Himmel und frohlocke« an. Diesmal war der große Chor auf der Empore aufgestellt, während im Altarraum, aber auch einmal verteilt in der Kirche (Quartette von Sopran bis Baß), Solisten, Kurrende und Duos unter der Leitung von Ludwig Haenchen das Weihnachtsfest besangen. Das chorseitige Treppenhaus war ebenso wieder einbezogen (»Es ist ein Ros entsprungen«). Wie am Tag zuvor war die Verkündigung und das folgende »Ehre sei Gott« ein berührender Höhepunkt. Das abschließende »Oh du Fröhliche« klang vielleicht noch etwas kräftiger, gestärkter und fröhlicher als am Vortag.

Silvestervesper des Dresdner Kreuzchores, 31. Dezember (Achtung, andere Anfangszeit: 16:00 Uhr): Johann Sebastian Bach, Kantate Nr. 4 aus dem Weihnachtsoratorium sowie Dona nobis pacem aus der h-Moll- Messe, 21:00 Uhr erklingt noch einmal die Jehmlich-Orgel in der Festlichen Musik für 8 Trompeten, Pauken und Orgel, bevor sie wegen einer Reparatur vorübergehend schweigt.

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