Mit Bewegung und Lebensmut

Sächsische Staatskapelle bricht ins neue Jahr mit Anton Bruckner und Herbert Blomstedt auf

Die Sinfonien Anton Bruckner verleiten dazu, sie zu zelebrieren – aber die Erhabenheit kann auch erdrücken statt beglücken. Herbert Blomstedt, Ehrendirigent der Sächsischen Staatskapelle, zelebriert die fünfte der Sinfonien derzeit nicht, er unternimmt sie sozusagen mit seinem Orchester. Ein Aufbruch und Voranschreiten, das immerzu in Bewegung ist und in frohen Lebensmut mündet. Dabei ist der 98jährige Dirigent keineswegs sparsam in den Gesten, sondern sehr direkt und konkret. Am energischsten wurde er am Sonntag dennoch erst am Schluß, als das Orchester partout nicht aufstehen wollte, sondern und ihm den Applaus überließ. Da forderte Blomstedt schließlich das »Auf!«

Was für ein schöner Aufbruch ins neue Jahr: Kein Feuerwerk, kein Konfetti, sondern bedächtiges, aber zielgerichtetes Schreiten. Die Violoncelli gaben das Thema fast piano vor, die Antwort erfolgte prompt und kraftvoll – manchmal ist die Reaktion stärker als der Impuls, der sie auslöst. Doch Herbert Blomstedt wollte wohl kaum nur den Effekt zu Beginn, es war die erste Stufe, über die sich das Thema in Terrassen nach oben entfaltet. Pizzicati markierten dies Schreiten, das Orchester wahrte die Geschlossenheit vieler Register. Über die Terrassen erklomm es nicht nur die Bruckner’sche Höhe, sondern erschloß ein Licht, als stieße sie die Tür eines hell erleuchteten Prunksaales auf.

Dichter, differenzierter Klang, durchdachte Interpretation: Herbert Blomstedt und die Sächsische Staatskapelle, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Und doch steckte so viel mehr dahinter als nur ein stufenweises Wachstum! Denn zu beobachten, wie sich die Orchesterregister nach und nach fügten, wie sich kecke Holzbläserstimmen einmischten und den stetigen Fluß auffrischten, wie eine Klangordnung entstand und sich wandelte, war schon großartig! So wuchs das Tutti nicht allein durch Zunahme an Akteuren, sondern durch unterschiedliche, differenzierte Grade der Intensität sowie der technischen Verfeinerung. Mit leidenschaftlichen Tremoli war zunächst eine Höchststufe erreicht.

Zunächst, denn spätestens im Schlußsatz sollte sich zeigen, daß Bruckner nicht allein auf einen Klanggipfel führt, sondern eine ganze Gebirgskette erklimmt. Im Adagio wurden die Pizzicati zunächst ganz sanft und waren von Holzbläsern durchwirkt. Vor allem der helle Flötenglanz (Rozália Szabó) und das elegante Leuchten der Klarinette (Robert Oberaigner) setzten betörende Klangpunkt in einem Orchesterklang, der wie gegossen schien – fließende Streicher und ein Chor der Blechbläser sorgten für einen räumlich-körperlichen Eindruck, an dessen Rändern die Fasern beider kaum zu unterscheiden waren.

Präzise und zielgerichtet in den Anweisungen: Herbert Blomstedt, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Dabei wahrte Herbert Blomstedt den besonderen Zauber der Musik Anton Bruckners, der diesen Klang nicht als unförmige Amöbe wabern ließ, sondern ihm Kontur verlieh, Pointen setzte (gleich dreimal foppt Bruckner sein Publikum mit einem Scheinschluß!) und heraustretente Einzelereignisse wie einen Paukenwirbel im Adagio eingebunden ließ. Immer wieder tauchen gegenläufige oder gegensätzliche Elemente auf: ein fast tragischer Duktus wurde von den Oboen erst durchbrochen, dann schwenkte er wieder in frohen Lebensmut – das sorgte nicht allein für Abwechslung, es schuf einen Wandel mit Spannung.

Im Scherzo durfte sich der Lebensmut geradezu fröhlich entfalten. Volkstümlich und mit ländlichem Idyll sangen Bläser und Streicher im Einklang, nachdem der Satz ein frühes Ende vorgetäuscht hatte, von der Pauke »befeuert«. Das war luftig, fast luzide, wäre da nicht diese unnachahmliche Spannung geblieben, die beständig vom »Aufbruch« kündete.

Am Ende standen sie alle – Orchester und Publikum  verehrten den Dirigenten, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Das blieb so im Finalsatz, der aus einem Ruhemoment erwachte wie der erste. Die Violoncelli gaben die Richtung vor – wieder nach oben – von Einwürfen der Klarinette begleitet. Aber einmal gen Himmel genügt nicht – nun entfaltete sich über einer großartigen Orchesterfuge ein Panorama von Gipfeln, denen die Flöte den Glitzer verlieh, während die Blechbläser Farbe und Glanz des Himmels beleuchteten.

11. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde aufgezeichnet und ist am 11. Februar 20:03 Uhr im Rahmen des ARD-Konzerts auf den Radiokulturkanälen zu hören.

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