»Happy birthday, lieber Herr Silbermann«

Gottfried Silbermann Gesellschaft feierte Silbermanns 343. Geburtstag mit einem SoundWalk und erreicht 1300 Kinder

Vor etwa einem Jahr hatte es noch ganz anders ausgesehen: wegen des nicht beschlossenen Sächsischen Haushalts waren Förderzusagen unsicher oder Gelder eingefroren, zumindest temporär nicht verfügbar. Die Gottfried Silbermann Gesellschaft (GSG) mußte damals ihr geplantes Programm kürzen, auch die Neuauflage des Silbermann SoundWalks in einer young edition war davon betroffen. Mit dem Beschluß des Haushaltes im Sommer bestand wieder Planungssicherheit und der Termin kam zurück in den Kalender, da hatten die Schulen allerdings teilweise schon neue Pläne gemacht.

Um so schöner, daß sich das Projekt des SoundWalks mit Gruppen aus zehn Grundschulen dennoch realisieren ließ, die Mittwoch Gelegenheit hatten, mit Silbermanns Orgelklang in Berührung zu kommen. Es war der 343. Geburtstag von Gottfried Silbermann und übrigens der 151. von Albert Schweitzer. Der Arzt hatte nicht nur auf der Orgel dilettiert, sondern war »ernsthaft« am Instrument ausgebildet worden, hatte bei Charles-Marie Widor studiert. Und er hat sich mit dem Klang bzw. den Klängen der Orgel befaßt – deutsch und französisch, barock und romantisch. Neben den spätromantischen Farben der Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll hatte er unter anderem den Obertonreichtum der elsässischen Silbermann-Orgeln, wie Gottfrieds älterer Bruder Andreas sie gebaut hat, geschätzt.

In der St. Georgenkirche Glauchau spähten Nevio, Devina  und Selma neugierig, welche Tasten, Pedale und Register Kantor Guido Schmiedel an der Orgelbank drücken, treten und ziehen kann, Photo: NMB

Am Mittwoch standen jedoch die sächsischen Instrumente von Gottfried im Mittelpunkt. Nicht nur Freiberg und Reinhardtsgrimma, wo Domorganist Albrecht Koch, Präsident der GSG, spielte, gehörten zu den Wegpunkten des SoundWalks, sondern Bad Lausick (St. Kilianskirche), Glauchau (St. Georgenkirche), Reichenbach (Peter-Paul-Kirche) und Zöblitz (Stadtkirche). Außerdem stand ursprünglich die Ev. Kirche in Schweikershain mit im Programm. Wegen des Wetters und der unsicheren Anfahrt verlegten Organistin Oana Maria Bran und die Grundschule Diesterweg Geringswalde den Besuch aber in die Martin-Luther-Kirche Geringswalde, die für die Kinder fußläufig zu erreichen war. Interessante Fußnote am Rande: Dort, in der Martin-Luther-Kirche, war 1925 / 26 das Instrument von Friedrich Ladegast durch die heute fast vergessene Werkstatt Schmeisser in Rochlitz erneuert worden. In Rochlitz wiederum, nur wenige Kilometer entfernt, hatte Paul Schmeisser 1894 einen Neubau errichtet und die Silbermann-Orgel in der Petrikirche ersetzt. Es waren die Zeiten der Orgelreform und der Orgelbewegung, wie sie Albert Schweitzer erlebt hat – beide Fälle wären heute kaum denkbar!

Elisabeth Rohloff (an der Orgelbank, Bildmitte) hatte in Zöblitz alle Emporen besetzt, Photo: Elisabeth Rohloff

Von solchen Diskussionen waren die kleinen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des SoundWalks (noch) weit entfernt. Wer weiß – vielleicht wurde in einem ein kleines Licht entzündet, das ihn später einmal als Kantor oder Organist ans Instrument führt? Der Anfangsimpuls wäre gegeben – am Ende nahm die Teilnehmerzahl sogar noch einmal zu, so daß sich die GSG über 1300 junge Gäste in den sieben Kirchen freuen konnte. KMD Guido Schmiedel hatte in Glauchau zum Beispiel noch eine Gruppe von Vorschulkindern dazugewonnen. Sie fielen ein wenig aus dem Rahmen der Altersgruppen, denn die kamen aus den Klassenstufen ein bis vier der Grundschulen.

Die Orgel ist aber eines der besonders »intensiven« Instrumente, weshalb selbst für Erwachsene das Format vom klassischen Sinfonie- oder Kammerkonzert abweicht: während dort mit einer Pause etwa zwei Stunden musiziert wird, belassen es Organisten in der Regel bei einer kompakten, konzentrierten Stunde ohne Pause. Für den Erstkontakt genügten daher etwa 30 Minuten.

Kurzfristiger Umzug: statt Schweikershain gab es für die Grundschule Geringswalde Orgelmusik in der Martin-Luther-Kirche vor Ort, Photo: Grundschule Diesterweg Geringswalde

In Glauchau waren neben Kindern der Grundschule »Am Rosarium« auch eine Gruppe aus der Bergschule St. Egidien angereist. In der St. Georgenkirche gibt es solche Kennenlernkonzerte für Kinder mindestens einmal im Jahr. Meist kommen dann 200 bis 300, weshalb KMD Guido Schmiedel dann im Kirchenschiff eine Videoleinwand aufstellt. Diesmal war die Gruppe mit etwa 130 Kindern nicht ganz so groß – Vorteil: sie konnten alle auf die Emporen und waren noch direkter an Instrument und Spieltisch.

Zu Beginn gab es – wie in allen Kirchen –, eine Improvisation über »Happy birthday«. Die Kinder erkannten es natürlich sofort Titel, worauf sie der Kantor noch etwas weiter raten ließ: die Erkennungsmelodien zur »Sendung mit der Maus« gab es ebenso zu erkennen wie »Pippi Langstrumpf«. Dazwischen hatte Guido Schmiedel sogar noch die Eurovisionsfanfare eingefügt, eigentlich ja ein Teil aus dem Te Deum von Marc-Antoine Charpentier. »Dich Gott loben wir« heißt es dort im Text – etwas Hintergrundwissen zu Werken, deren Anlaß oder Botschaft wurde nebenbei auch vermittelt.

Den Freiberger Dom mit der größten Silbermann-Orgel des Tages besuchten auch die meisten Kinder, Domorganist Albrecht Koch, Mitorganisator des SoundWalks, vermittelte den Orgelklang (Bild links), Photo: Gottfried-Silbermann-Gesellschaft, © Detlev Müller

Das »Happy birthday« durften die Kinder schließlich singen – auch dieses Geburtstagsständchen erklang in allen Kirchen. Und die Kinder durften nicht nur, sie wollten auch – so laute fröhliche Sänger haben sich die Initiatoren des Projektes sicher gewünscht! Elisabeth Rohloff berichtet aus Zöblitz dasselbe – dort waren außerdem »Alle Jahre wieder«, das Pippi-Langstrumpf- sowie das Steigerlied gesungen worden.

Neben wissenswertem zu den Werken und natürlich zur Orgel selbst gab es vor allem Musik zu hören. Elisabeth Rohloff hatte die Melodie aus »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« gespielt, Guido Schmiedel nutzte die Sing-Gelegenheit für einen nochmals kräftig-fröhlichen Refrain »Gloria in excelsis Deo« in »Hört der Engel helle Lieder«.

Klangprobe aus der St. Kilianskirche Bad Lausick mit silbenfreundlicher Einkürzung von »Lieber [Herr] Silbermann«, Video: Grundschule Bad Lausick

»Gloria« wurde nicht nur gesungen, ist auch häufig auf Orgelprospekten zu lesen. Ein Zeitgenosse Gottfried Silbermanns, Johann Sebastian Bach, schrieb es oft unter seine Werke. Seine Toccata und Fuge d-Moll (BWV 565) gehörte als Bach wohl bekanntestes Werk ins Programm des SoundWalks. Wer nicht dabeigewesen ist, das Stück aber wieder einmal anhören möchte, findet unter anderem eine Aufnahme von Albert Schweitzer.

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