Drei Oden an Cäcilia

Gaechinger Cantorey mit Werken dreier englischer Komponisten

Cäcilia von Rom gehört zu den am meisten verehrten und zu den »ältesten« Heiligen: im dritten Jahrhundert hat sie gelebt, ihre Passion wurde im 5. Jahrhundert aufgeschrieben, worauf sich unterschiedliche Formen der Verehrung stützen. Ganz allgemein ist ihr Heiligentag der 22. November, aber die Cäcilienfeste fanden ebenso an anderen Tagen statt. In England wurde der Heiligen mit Oden unter anderem zu Neujahr, an den Geburtstagen der Könige oder wenn diese aus der Sommerfrische zurückkehrten, gehuldigt.

Der Legende nach hat Cäcilia, während zu ihrer erzwungenen Vermählung die Instrumente spielten, im Herzen allein zu Gott gesungen, weshalb sie, oft mit der Orgel als Heiligenattribut dargestellt, für alle (Kirchen)musiker als Schutzpatronin verehrt wird.

Simon Vouet »Saint Cecilia« (Ölfarbe auf Leinwand, 134,1 x 88,2 cm, ca. 1626), Blanton Museum of Art, Bildquelle: Wikimedia commons

Oden der Cäcilienfeste wurden zu allen Zeiten von englischen Komponisten vertont. Hans-Christoph Rademann, Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart (IBA), hat für das dritte Abonnementkonzert der in der IBA beheimateten Gaechinger Cantorey Werke von Henry Purcell, Benjamin Britten und Sir James MacMillan zusammengestellt und ging in seinem Programm chronologisch rückwärts.

Nicht nur wegen des Leiters, auch in manch anderen Beteiligten waren ein paar in Dresden bekannte Namen eingebunden. So zählten Jonathan Mayenschein (Altus) und Christopher Renz (Tenor) zu den Solisten, im Chor der Cantorey fanden sich bekannte Namen wie Anna-Marie Tietze. Daß dann noch Sir James MacMillan zu den Komponisten zählte, welcher derzeit eine Residenz bei der Dresdner Philharmonie hat, kann man als Fügung sehen.

Nach einem Musikalischen Salon (Gespräch im Kontext zum Programm) und einer ersten Aufführung in Ludwigsburg wurde »Ode to St. Cecilia« am Sonntag noch einmal im Beethoven-Saal der Liederhalle Stuttgart aufgeführt. James MacMillan durfte als modernster Komponist beginnen, der vertonte Text (Autor anonym) »Cecilia Virgo« geht allerdings bereits auf das sechzehnte Jahrhundert zurück. Das Werk beginnt geradezu schwebend, gewinnt aber bald Struktur, findet binnen kurzem Ruhe. Der Chor fächert die Stimmen kraftvoll auf, so daß er auch die letzten Zuhörer des großen Saales (fast 2100 Sitzplätze) erreichte.

Während die Texte bei MacMillan und Purcell Cäcilia sozusagen »direkt« anreden, spricht Wystan Hugh Auden, der Dichter von Benjamin Brittens »Hymn to St. Cecilia« (Opus 27), eher »über« sie. Seine Erzählung hat Britten zauberisch eingekleidet. So zumindest begann am Sonntag die Erzählung über den Garten und den Gesang Cäcilies. Jeweils im Anschluß an drei Erzählabschnitte folgt ein Hymnus (»Blessed Cecilia« / »Gesegnete Cäcilia«), den die Gaechinger Cantorey mit einer verblüffenden Expressivität darstellte – dieser Segen wirkte kraftspendend! Am Beginn des zweiten Teils (»Ich kann nicht mehr tun; ich habe keinen Schatten …«) setzte sich eine liedhafte Leichtigkeit durch, wobei sich die hohen Stimmen über den schwebenden tiefen mit ihrem Erzähltext klar abhoben. Die Solisten (neben Mayenschein und Renz Lucy de Butts / Sopran und Tobias Ay / Baß) agierten aus dem Chor heraus, was für einen schönen, abgemilderten Kontrast sorgte.

Das längste Stück des Abends, Henry Purcells Ode on St. Cecilia’s Day (Z 328), wurde nach den a-cappella vorgetragenen Werken von einem Instrumentalensemble begleitet, unter anderem Stefan Maass, der diesmal aber statt der Laute eine Gitarre mitgebracht hatte. Die Instrumente wurden auch benötigt, denn Purcell und sein Dichter lassen sie für Cäcilia quasi in einen Wettstreit treten. Flöte, Orgel, Laute oder Violinen werden mit dem Gesang der Jungfrau ins Verhältnis gesetzt – die Instrumente imitieren nicht sich selbst, sondern stellen die genannten Attribute dar, was dem festlich-feierlichen noch einen humorvoll-fröhlichen Aspekt hinzufügte.

Als Solisten traten Lucy de Butts, Alex Potter (Altus), Benedikt Kristjánsson (Tenor) und Matthew Brook (Baß) an den vorderen Bühnenrand, ergänzend kamen die vorigen hinzu, wenn etwa im Terzett zwei Alti und ein Baß »irdische Klänge« und »himmlische Melodien« spannungsvoll miteinander verwoben. Benedikt Kristjánsson übernahm die ursprünglich für Alt oder Countertenor geschriebenen Soli und stattete sie mit der Strahlkraft eines hohen Tenors aus.

Instrumental traten vor allem die beiden Blockflöten (Wei Hung und Chia-Ying Chuang) hervor. Das Ensemble zeigte sich mal als Orchester mit konzertierenden Soli, dann wieder gab der Basso continuo einen rhythmischen Puls allein vor. Ostinato-Figuren wuchsen in »Wondrous machine« (»Wundersames Gerät«) mit Matthew Brook zum beeindruckenden Marsch.

Das zwischen schöner Melancholie und frohgemutem Lobpreis changierende Stück gab dem Chor der Gaechinger Cantorey Gelegenheit, manchmal zurückhaltend, oft aber mit berauschenden Farben den Hymnus auszumalen. Das Finale mit seiner Chorfuge schien, als reiche Purcell seinem Kollegen Händel die Hand – das zahlreiche Publikum feierte die Gaechinger dafür ausführlich.

2. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

Konzert zum Tag der Befreiung: MacMillan dirigiert eigene und Werke von Britten, Pärt und Bach mit der Dresdner Philharmonie und Dresdner Chören, 9. Mai, 19:00 Uhr, Kulturpalast Dresden

CD-Tip: Eben erschienen: Vision Bach, Vol. 9, Kantaten BWV 134.2, BWV 67, BWV 104, BWV 12 und BWV 166, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann (Dirigent), Solisten (2 CDs, Hänssler)

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