Hexen geistern an historischem Ort

Purcells »Dido and Aeneas« im Ständetheater Prag

Das Haus lohnt bereits einen Besuch – das Ständetheater Prag, heute Stavovské Divadlo, ist nicht nur irgend ein historisch erhaltenes Gebäude, das uns in die Theaterzeit des 18. Jahrhunderts zurückspüren läßt, es ist auch das einzige erhaltene, in dem Wolfgang Amadé Mozart selbst dirigierte. Er liebte den Zeugnissen nach den Humor der Prager und führte seine »Zauberflöte« am Ständetheater auf, auch sein »Figaro« wurde hier gespielt. Die gegenseitige Zuneigung wuchs und bot Mozart eine Alternative zur Hofoper und zum Burgtheater in Wien – 1787 wurde »Don Giovanni« in Prag uraufgeführt, 1791, auf den Tag genau ein viertel Jahr vor dem Tod des Komponisten, »La clemenza di Tito«. Doch auch andere Werke erblickten hier das Licht der Bühnenwelt, etwa Louis Spohrs Oper »Faust« sowie drei Opern von Conradin Kreutzer.

Mozart ist längst wieder zurückgekehrt (wenn er denn überhaupt »weg« gewesen sein sollte). Seine Werke werden regelmäßig am Stavovské Divadlo gezeigt, das für Opern der Zeit der Wiener Klassik oder davor bestens geeignet scheint.

Zu Beginn können die glänzenden Helden sich einander zuneigen: Dido (Markéta Cukrová) und Aeneas (Lukáš Bařák), Photo: Stavovské Divadlo, © Serghei Gherciu

Einhundert Jahre vor Mozart wurde in England ein anderes Musikgenie geboren – Henry Purcell. Drei Semi-Opera oder Masques brachte er in seinen 36 Lebensjahren zu Papier: »King Arthur«, »Dido and Aeneas« sowie »The Fairy-Queen«, wovon immerhin die ersten beiden beständig zum Opernkanon gehören. Die Neuen (musikalischen) Blätter nutzten einen Ausflug nach Tschechien zur Premiere von Josef Myslivečeks »Tamerlán« (Besprechung folgt in Kürze) in Pilsen für einen Zwischenstopp in Prag – »Dido and Aeneas« am Stavovské Divadlo in einer Nachmittagsvorstellung. (Damit sahen wir das Stück drei- und den Stoff gar viermal innerhalb eines Jahres, zuletzt »Didone abbandionata« in Meiningen.)

Das kurzweilige Vergnügen (Spielzeit nur eine gute Stunde) gönnten sich viele Familien im ausverkauften Theater. Das Haus kennenlernen, mit Opernmusik in Berührung kommen, ein gemeinsames Familienerlebnis – ein schöner Anlaß!

DAS STÜCK

Ob Purcell, Cavalli, Sarro der Berlioz – nach Vergils Aeneis haben die Königin von Karthago Dido und der trojanische Prinz Aeneas keine Chance, ihre Liebe zu leben. Beide beklagen Verluste: Dido hat ihren Mann verloren und geschworen, sich nicht neu zu vermählen, sich keinem Manne mehr hinzugeben, Aeneas mußteauf der Flucht (nach dem Krieg in Troja) Vater und Sohn zurückgelassen. Er strandet verwundet in Karthago, wo sich Dido um ihn kümmert und sich in ihn verliebt. Doch beider Wünsche bleiben unerfüllbar, selbst als sie das Verlieben zulassen – Aeneas hat von den Göttern den Auftrag erhalten, ein neues Troja (Rom) zu gründen – er kann nur einer Seite treu bleiben, die andere Treue wird er brechen müssen. Hexen, die ein falsches Spiel treiben, beschleunigen die Handlung – Aeneas verläßt Dido, die ihrem Leben ein Ende setzt.

Artistisch phantastisch: »Dido and Aeneas« in Prag, Photo: Stavovské Divadlo, © Serghei Gherciu

DIE INSZENIERUNG

Im Januar hatte die Inszenierung »Dido and Aeneas« von Alice Nellis (Regie, außerdem: Matěj Cibulka / Bühne und Kateřina Štefková / Kostüme) am Stavovské Divadlo Premiere. Sie betonen die atmosphärische Spannung mit Gewitterblitzen und Donnergrollen zwischen den Bildern und mit sich bauschendem Tüll, der Kleid oder Umhang, aber auch Wolke bzw. Qualm sein kann – Hexen oder Geister unsicheren Ursprungs winden sich daraus, was zeigt, daß schon von Beginn nichts sicher ist, da mögen manche Kostüme noch so bunt, exotisch und verführerisch scheinen. Lebendig, zauberisch und phantastisch wird »Dido and Aeneas« nicht zuletzt durch die klug eingebundenen Ballettszenen (Choreographie: Klára Lidová), die das Geschehen turbulent aufmischen und mit Luftsprüngen bzw. -umschwüngen an Trapezen die (Semi-)Opera um artistische Zirkuselemente bereichern.

DIE AUFFÜHRUNG

Ein wenig brauchte »Dido and Aeneas« dennoch, um auch musikalisch in Schwung zu kommen. Das betraf nicht nur Markéta Cukrová als Dido oder vor allem Lukáš Bařáks etwas »startmüden« Aeneas, sondern den gesamten Ablauf incl. Orchester. Dieses setzte sich aus dem Orchestr Národního divadla und Musikern des Collegium 1704 zusammen, welche als Barockspezialisten für den Basso continuo verantwortlich waren. Dennoch glückte diese Synthese nicht so wie abends am Theater Pilsen, wo nach dem gleichen Konzept (hauseigenes Orchester mit einem Basso continuo aus Spezialisten der historischen Aufführungspraxis) musiziert wurde. Dem Dirigat von Michael Hofstetter fehlten eine Direktheit, Spontanität und Flexibilität, die es aber gerade aufgrund der Kürze von etwa siebzig Minuten gebraucht hätte.

Didos Krone ist bereits abgelegt, die Hexen (Mitte: Aco) beschleunigen die Ereignisse, Photo: Stavovské Divadlo, © Serghei Gherciu

Die Kurzweil war dennoch ungetrübt, dafür sorgte zunehmend das Baletní soubor Národního divadla des Hauses mit seiner artistisch und darstellerisch starken Beteiligung. Die Rolle der Belinda scheint eine der dankbarsten zu sein – wir haben sie schon oft positiv erlebt, auch Ekaterina Krovateva überzeugte sowohl in der Schönheit des Klangs wie darstellerisch in der Einfühlsamkeit der Vertrauten Didos vollkommen. Für einen außerordentlich (stil)sicheren und passenden Eindruck im Gesang sorgte auch das Collegium Vocale 1704, das den Chor übernommen hatte.

Der verstorbenen Dido (Markéta Cukrová) legen eigentlich Liebesgötter Rosen aufs Grab, hier scheint die Liebe in Dunkelheit zu sinken, Photo: Stavovské Divadlo, © Serghei Gherciu

Nicht zuletzt braucht jede Aufführung ihr eigenes Idiom, ein Merkmal, das herausragt, besonders ist oder unterscheidet – für diese Würze sorgten die herrlichen Hexen von Aco Bišćević , Lenka Pavlovič und Marie Šimůnková. Aco Bišćević ließ seine Stimme gewollt kippen und trug zu einer Schärfe bei, welche das Boshafte seiner Spezies noch betonte. Gerade diese dunkle Seite, nicht nur die Lust, die Freude am boshaften Treiben, wodurch Epos und Märchen vermischt werden, streicht die Inszenierung am Stavovské Divadlo heraus.

2. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

Wieder am 9. und 25. Februar (jeweils 19:00 Uhr): Henry Purcell »Dido and Aeneas«, Stavovské Divadlo Prag

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