Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores mit Bachs berühmter Messe
Johann Sebastian Bachs (große) Messe in h-Moll (BWV 232) gehört zu den großartigsten Werken des Thomaskantors und zu den ein wenig sagenumwobenen – Anlaß und die genaue Entstehung sind nach wie vor nicht restlos geklärt. Über Jahr(zehnt)e entstanden die Teile, und bis heute kommen neue Theorien zur Geschichte des Werkes auf.
Mit dem Wechsel der zwischen den beiden Passionen (im vergangenen Jahr Johannes, in diesem Matthäus) und dem alljährlich aufgeführten Weihnachtsoratorium hat der Kreuzchor des aktuellen Jahrgangs damit alle großen Chorwerke Johann Sebastian Bachs im Repertoire. Die zehn Jahre seit der letzten Aufführung (Dresdner Bachfest 2016) entsprechen bei einem Knabenchor ziemlich genau einer Generation.

Interessanterweise wurde der Kreuzchor unter der Leitung des damaligen Kreuzkantors Roderich Kreile übrigens bereits von einem Alte-Musik-Ensemble, der Akademie für Alte Musik Berlin, begleitet. Auch diesmal waren weder der ständige Partner Dresdner Philharmonie dabei noch die eigentlich vorgesehene Sächsische Staatskapelle. Letztere konnte den Termin wegen ihrer Asien-Reise nicht wahrnehmen, so entschied sich Kreuzkantor Martin Lehmann für das Dresdner Festspielorchester, das sich ein viertel Jahr vor den Dresdner Musikfestspielen schon einmal in Form bringen konnte. (Im Mai und Juni sowie zu den Gastkonzerten stehen dann allerdings wieder die Wagner-Aufführungen im Mittelpunkt. Das Ring-Projekt ist im vierten Jahr bei der »Götterdämmerung« angelangt.)

Kurz vor Beginn mußte Martin Lehmann allerdings noch eine Absage verkraften – Eric Stokloßa gab krankheitsbedingt den Staffelstab der wichtigen Tenorpartie an Daniel Johannsen weiter. Im Basso continuo konnte sich der Kreuzchor dagegen auf bewährte Kräfte verlassen (Cembalo: Kreuzorganist Holger Gehring, Continuoorgel: Sebastian Knebel, Laute: Stefan Maass).
Auch in diesem Jahr begann das Konzert, daß im Gedenken der Zerstörung Dresdens in den Nächten zwischen 13. und 15. Februar 1945 steht, mit Rudolf Mauersbergers für den Kreuzchor geschriebenen Trauermotette »Wie liegt die Stadt so wüst«. Der Text aus den Klageliedern Jeremias (»… die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste …«) bezieht sich ursprünglich zwar nicht auf Dresden, erfuhr aber durch Mauersbergers Komposition eine Quasi-Neuverortung. Das Werk faßt die Beklemmung und Fassungslosigkeit über die Zerstörung (Kreuzkirche und Alumnat gehörten zu den betroffenen Gebäuden) und die Trauer um Angehörige und die Kruzianer, die bei den Angriffen ums Leben kamen, auf berührende Weise zusammen. Aus Dunkelheit drangen die Stimmen des Kreuzchores a cappella in die Kirche, fanden forciert zum Licht und verblieben doch im Moment des Klagens und der Andacht. Nicht nur für Dresdner, die mit dem Ort seit langem verbunden sind und die Tradition der Gedenkkonzerte kennen, war dies ein inniger Moment, sondern auch für viele Gäste.

Eigentlich passen die Trauermotette und Bachs großartige, festliche Messe gar nicht zusammen, weder in einem (vermuteten) Anlaß noch in Tonart oder Stimmung. Doch einen »Bruch« gab es für das Konzertpublikum nicht, denn wie immer stand zwischen den beiden Teilen des Gedenkkonzerts das Läuten der Kirchenglocken, die damit auch beide Werke verbanden.
Wie anders war doch der Eindruck dieser h-Moll-Messe! An die Trauer schloß sich eine Fuge (Kyrie Eleison) an, deren Spannkraft von den Sopranem bis zu den Bässen immer weiter zu wachsen schien. Das eingeschobene Christe Eleison sorgte für einen ersten Ruhemoment und offenbarte die im Charakter sehr unterschiedlichen Soprane der Solistinnen Miriam Feuersinger und Hanna Zumsande, wobei die erste nicht nur durchsetzungsfähiger war, sondern auch leuchtkräftiger. Hanna Zumsandes zwar schöne Milde schien im Vergleich (vor allem im weiten Kirchenraum) letztlich deutlich matter. Der Dresdner Kreuzchor als Hauptakteur ließ den Lobpreis des Gloria in excelsis Deo strahlen, gleich darauf traten die einzelnen Stimmen, besonders Soprane, in geschlossenen Gruppen hervor.

Das Dresdner Festspielorchester war ein wichtiger Begleiter, der Martin Lehmanns Dirigat mehr als willig folgte. So waren immer wieder die Soli bzw. Duette, wie von Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki mit Hanna Zumsande, ausgesprochen schön gestaltet (»Laudamus te«). Daß die Kombination des Alt von Marie Henriette Reinhold mit der Solooboe von Xenia Löffler im Grunde als »sichere Bank« gelten kann, war abzusehen, doch wie kantabel und geschmeidig das Duett ausfiel, beeindruckte wieder von neuem! Gleich auf das gemeinsam vorgetragene »Qui sedes ad dextram sanctus« steigerten Bassist Tobias Berndt und Stephan Katte diesen Eindruck noch – Stephan Katte blies ein bemerkenswert sauberes, superbes Naturhorn!
Martin Lehmann nutzte solche Gegebenheiten, um zum Beispiel den Schlußton der Bläser gediegen ausklingen zu lassen (Ende Teil 1). Im zweiten (Credo) wurden Trauermomente deutlich, als Bachs Messe im Gestus zwischen Requiem und Passion wandelte. Auch dabei setzte Martin Lehmann ganz bewußt gestalterische Ausrufungszeichen, wie das durch den Kreuzchor dargestellte Crucifixus etiam pro nobis. Hier erfuhr das Werk nicht nur einen momentanen Kontrast, der Verlauf trug insgesamt zur Spannung bei.

Da hätte sich der Rezensent, der noch in einem Abenddienst verpflichtet war, gewünscht, zumindest das Sanctus noch zu hören, was sich aber als nicht günstig erwies (die Stimmpause davor war leider der Moment des Wechsels). Bis dahin hatte Einspringer Daniel Johannsen aber bereits seine klare Diktion erneut unter Beweis gestellt. Glücklicherweise hatten die NMB ein paar »Zuträgerohren« in der Kreuzkirche gelassen, die übereinstimmend den freien und besonders berührenden Vortrag (ohne Noten) von Daniel Johannsen im Benedictus lobten, zum dem sich ein weiteres Solo aus dem Orchester (Flöte: Aaron Dan) gesellt hatte.
8. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
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