Semperoper zeigt Francis Poulencs »Dialogues des Carmélites« in berührenden Bildern
Im Leben von Francis Poulenc gab es viele musikalische Einflüsse – vom Vaudeville über Kammermusik bis zum Ballett schrieb der Franzose für viele Gattungen. Sehr persönliche Erfahrungen wie die Nähe zum Glauben haben ihn nicht nur beeinflußt, sondern sich dezidiert in seinen Werken niedergeschlagen.

Zu Poulencs wichtigsten Kompositionen zählt die Oper »Dialogues des Carmélites« – ein vielbesprochener und immer wieder referenzierter Meilenstein der Musikgeschichte, doch auf den Bühnen erlebt man das Stück keineswegs so oft. Vielleicht wegen seines Inhalts – die Hinrichtung der Karmelitinnen ist nicht nur grausam, sondern läßt alles in Hoffnungslosigkeit sinken. Das ist selbst für die Gattung Oper eine Zumutung – gestorben wird hier sonst zwar viel, aber doch aus »guten Gründen« und mit Leidenschaft! Die Semperoper Dresden übernimmt jetzt die in Kooperation mit dem Opernhaus Zürich entstandene Produktion von »Dialogues des Carmélites« (Premiere war am 31. Januar, wir besuchten die zweite Vorstellung).

DAS STÜCK
Blanche, die Tochter des Marquis de la Force, ist ohne Mutter aufgewachsen, die von einem Mob zu Tode gehetzt wurde. Zwar lebt sie mit Bruder und Vater in einem Palais, fühlt sich dort aber nicht zu Hause. Angst ist ihr ständiger Begleiter, weshalb sie im Kloster der Karmelitinnen aufgenommen werden möchte. Die Priorin weist Blanche darauf hin, daß das Kloster keine leichte Zufluchtsstätte ist, doch Blanche will sich auf diesen Weg begeben. In der ihr fast konträr gegenüberstehenden Constance findet sie eine Freundin.
Mit dem Tod der Priorin ändern sich die Umstände, nicht nur drinnen im Kloster. Denn auch die Welt draußen hat sich verändert, die Revolution verwüstet das Land. Mit dem Beichtvater feiern die neue Priorin und Nonnen eine letzte Messe, dann werden sie von der neuen Verwaltung zu Bürgerinnen ernannt und müssen binnen einer kurzen Frist das Kloster verlassen. Das Haus soll verkauft oder versteigert werden.

Blanche lebt als Magd in ihrem ehemaligen Vaterhaus, will sich aber nicht verstecken, obwohl Subpriorin Marie ihr dies rät. Die Karmelitinnen werden festgenommen und hingerichtet.
DIE INSZENIERUNG
Dem trostlosen Ende gehen schreckliche Ereignisse voraus. Regisseurin Jetske Mijnssen, die nach elf Jahren (»Die Königskinder«) wieder an die Semperoper zurückkehrt, illustriert aber nicht die blutrünstige Seite der Revolution, sondern konzentriert sich auf die Dialoge und Monologe des Stückes und erzählt Blanches Erlebnisse in Erinnerungsbildern. Nur zweimal – im Palais des Vaters – stehen Türen offen, zeigen die Verspieltheit des Rokoko in einem Saal, in dem anfangs noch getanzt wird (Choreographie: Lillian Stillwell). Doch schon hier existiert im Vordergrund der »Erinnerungsraum« Blanches, der immer gleich bleibt, keine Türen hat, nur leichte Variationen in Fenstern und Bögen erfährt.
Der Raum (Bühnenbild: Ben Baur) ist grau, wie auch die an die Kleidung der echten Karmelitinnen angelehnten Kostüme (Gideon Davey). Statt »buntem Treiben« oder prächtigen Kapellen ist alles auf Gedanken, Glauben und Zweifel bezogen. Das wirkt konzentriert und bedrückend, berührt aber trotz seiner scheinbaren Emotionslosigkeit tief, nicht erst, wenn die Karmelitinnen (sie sind bis auf Blanche historische Figuren, deren bürgerliche Namen wir kennen) am Ende nacheinander aufstehen und ihre an die Wände geschriebenen Namen auslöschen. Daß die Hinrichtung nicht inszeniert wird, sondern nur im schneidend-schleifenden Geräusch der Guillotine anklingt, wirkt um so schärfer – es ist nicht der einzige Moment, der einem den Atem stocken läßt.

Der Erinnerungsraum bleibt lange eine »intakte« Welt Blanches. Zunächst kommen die Beamten nicht näher als bis zu einem Tor und singen von der Seite ihren Text. Doch am Schluß brechen sie herein.
DIE AUFFÜHRUNG
Dirigentin Marie Jacquot begleitet mit der Sächsischen Staatskapelle akkurat, feinfühlig, läßt die Sprache ausgezirkelt immer im Vordergrund stehen, lotet die Klarheit der Tonalität aus, die nicht süffig wird, sondern noch in Momenten der Entspannung fragil bleibt – immer wieder »kippt« die Stimmung weg, malt die Zweifel Blanches aus. Poulencs Harmonik, macht Marie Jacquot deutlich, fließt nicht und zeichnet nur manchmal zarte Konturen – sie ist voller Kanten und Brüche.
Nicht die Emotionalität einer vordergründigen Leidenschaft sorgt für Antrieb, sondern die kleinen Figuren, die Personen oder Paare auszeichnen, wie die herbe, starke Priorin Madame de Croissy. Evelyn Herlitzius gelingt es, eine Ambivalenz aus Vorgesetzter und Anführerin, die selbst Zweifel und Gefühle hat (vielleicht mütterliche), mit umwerfender Transparenz darzustellen. Ihr Auftritt ist begrenzt und endet mit dem dramatischst ausgeformten Tod Madame de Croissys – und einem der beeindruckendsten und längsten Monologe des Stücks.

Rosalia Cid stellt als Constance mit blühendem Sopran ein Gegenbild zu Blanche dar, in der sich – nicht weniger eine ambivalente Figur – Verletzlichkeit und Ängste, aber auch Geradlinigkeit und Integrität (oder Treue) vereinen. Marjukka Tepponen mußte die Vorstellung am Sonntag kurzfristig absagen und wurde von Tara Erraught großartig ersetzt, die in die Rolle fand, als wäre sie von Beginn der Produktion dabei. Auch bei ihr spiegeln herbe Untertöne Gedanken und Gefühle wider, ohne vordergründig gleich eine »herbe Person« entstehen zu lassen – Blanche bleibt eine verletzliche junge Frau auf der Suche nach dem richtigen Weg. Die Dialoge mit ihrem Bruder (Julien Dran als Le Chevalier) zeigen ihre enorme Seelenspannung auf und gehören zu den dramatischen Höhepunkten des Abends.
Julie Boulianne (Mère Marie), Sinéad Campbell Wallace (Madame Lidoine), Michal Doron (Mère Jeanne) und Nicole Chirka (Sœur Mathilde) zählen zur Besetzung der Schwestern, die trotz fast uniformer Trachten ein individuelles Wesen im einzelnen und eine Gruppe im ganzen schaffen, in den sich übergangslos der Sächsische Staatsopernchor Dresden einfügt. Simeon Esper als würdevoller Beichtvater, der sich nicht nur um die Zukunft, sondern das Leben der Schwestern sorgt, zählt unter den überwiegend weiblichen Hauptrollen zu den Ausnahmen.

Zum frappierenden Eindruck gehört, daß die Heldinnen hier weniger in den Vordergrund treten, sondern die Individualität in der Gruppe ausgelebt wird. Wie ein Prozessionsgang ziehen die Bilder bis zum Ende auf – »Dialogues des Carmélites« sindein großer, immer wieder schauriger Moment!
9. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
Francis Poulenc »Dialogues des Carmélites«, Sächsische Staatsoper / Semperoper, wieder am 15., 20. und 23. Februar