Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle Dresden beeindrucken vor allem mit durchsichtiger Gestaltung
Für das Programm des Gedenkkonzertes zur Zerstörung Dresdens (13. und 14. Februar 1945) hatte Daniele Gatti, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, nicht ein Requiem ausgewählt, sondern Igor Strawinskys »Mass« mit Anton Bruckners neunter Sinfonie (d-Moll) kombiniert.
Strawinskys Mass (Messe) ist nicht zuletzt in ihrer Besetzung ein außergewöhnliches Werk, denn der gemischte Chor wird nicht von einem Sinfonieorchester, sondern einem Bläserensemble (2 Oboen, Englischhorn, 2 Fagotte, 2 Trompeten) begleitet. Als äolische Instrumente können sie natürlich die Wirkung der menschlichen Stimme noch verstärken, aber auch eine eigene, besondere Eindringlichkeit entwickeln.

Verblüffend war vor allem, wie sacht Daniele Gatti den großen Sächsischen Staatsopernchor Dresden wirken ließ – wir haben die Mass durchaus schon mit deutlich kleineren (Kammer)chören sehr viel expressiver erlebt! Doch die Expressivität fehlte hier keineswegs, entstand vielmehr im Verlauf und arbeitet so Aussagen, als würden sie unterstrichen, stärker heraus. Gerade im dritten Teil (Credo) fielen solche Kontrastunterschiede zwischen sanftem Piano und betontem Forte auf. Das Sanctus wurde von einem spürbaren Anstoß getragen (nicht nur ausgelöst), während der Chor im Agnus Dei in einer quasi-a-cappella-Passage hervortrat. Eine Geschlossenheit und feine Konturierung lag Daniele Gatti ganz offenbar am Herzen, was auch durch die aus dem Chor wirkenden Solisten (Eunjung Kwak (Sopran), Brynne MacLeod (Alt), Alexander Schafft (Tenor) und Holger Steinert (Baß) unterstrichen wurde.
So bekam die Messe fast schon etwas »Folgerichtiges«, wenn fallende Akkorde in Einzeltöne führten, sich Singstimmen vereinzelten oder (öfter) vom Chor aufgenommen wurden. Die Solisten waren nicht nur ausgezeichnet zu verstehen, ihnen gelang ebenso in der Paarung, gerade so nah aneinander wie Alt und Sopran (Gloria), eine dramatische, erhebende Schwebung.
Den Applaus unterdrücke Daniele Gatti, er ist beim Gedenkkonzert nicht üblich. Nach kurzem Umbau, aber ohne Pause schloß sich Bruckners letzte (vollständige) Sinfonie an.

Auch hier überwog die Transparenz, der feine Klang einerseits, aber nicht weniger die Gestaltung des Verlaufs mit seinen Kanten, Schattierungen (Wiederholung) und vor allem einem herrlichen Blechbläserchor. Als sänge er einen Choral, überragte er immer wieder das Orchester!
Was das Ohrenmerk nicht ablenken sollte, denn die Gesamtgestalt blieb gediegen, und sei es in den satten Pizzicati der Kontrabässe, die als Rückgrat die ganze Struktur stützten. Vor allem der erste Satz spannte eine enorme Weite zwischen Piano und majestätischer Weite auf, der zweite schien mit seinem tragischen Gestus dem Gedenkanlaß entgegenzukommen.
Die Ruhe war damit eingeschlossen als Teil der Musik, in der sich aber immer wieder und besonders die wirklich glänzenden Blechbläser hervortaten. Das war in der Gestaltung großartig, klarsichtig, also Transparent und bestens nachzuhören, zu verfolgen, wie noch einmal im Abschluß, der sich feierlich erhob auf einen Gipfel streckte. Dennoch schien noch eine Stufe der Sinnlichkeit zu fehlen, vermißte man jenen Grad des Überirdischen, den man bei der Kombination Sächsische Staatskapelle und Bruckner fast schon gewohnt ist.
15. Februar 2026, Wolfram Quellmalz