Kammerchor SINGularis folgt den Wesen durch die Jahrhunderte
Vor dreizehn Jahren hat Alexander Morawitz den Kammerchor SINGularis gegründet, der sich besonders der geistlichen Musik zuwendet. Als freier Chor muß er ohne Förderung auskommen, lebt vom Engagement der Mitglieder und den Zuwendungen des Publikums. Auch wenn Dresden der Heimatort ist, beschränken sich die Auftrittsorte aber keineswegs auf die lokale Umgebung – im vergangenen Jahr gab es zum Beispiel ein Chortreffen in der Città di Roma.
Im Februar stellte SINGularis sein Programm »Mensch & Engel« gleich zweimal vor. Nach einem ersten Konzert in der St.-Hubertus-Kirche (Weißer Hirsch) war es am Sonntag noch einmal in der Herz-Jesu-Kirche in Striesen zu hören und fand dort ein erfreulich zahlreiches Publikum. Constanze Walzer und Ulrike Hofmann (Barockviolinen), Tetsuro Kanai (Barockviola) sowie Raimund Dachselt, dessen Oboe sich in ausgewählten Stücken als Singstimme zum Chor gesellte, begleiteten als kleines Instrumentalensemble einige Stücke.

Enna Lesch hatte am Kontrabaß gleich zu Beginn eine besondere Aufgabe. Für seine Improvisation »Peace« (Frieden) spielte Alexander Morawitz an der großen Jehmlich-Orgel und sang den Text aus Gerard Manley Hopkins‘ Gedicht. Zunächst getragen von stehenden Orgeltönen, begab sich der Kontrabaß im Flageolett in den Klangraum äolischer Instrumente wie Flöten – später sollte die Oboe diesen Eindruck auf ihre Weise fortsetzen. Gerade in der getragenen Langsamkeit lag ein Wesen der Vermittlung, was »Peace« wie ein Gebet erscheinen ließ.
Mit einem Engelsgesang (Sanctus) von Guillaume Dufay, Thomas Tallis‘ »Hear the voice and prayer« (Gebet) und einem Chor zum Thema Tod aus der Begräbnismusik für Queen Mary von Henry Purcell begab sich SINGularis in die Zeit zwischen 15. und 17. Jahrhundert bzw. der Renaissance. Während das schlichte, aber harmonisch und rhythmisch ungewöhnliche Sanctus von Dufay eine Herausforderung war, erweckte Thomas Tallis‘ Gebet bereits einen sehr geschlossenen Eindruck. Bei Henry Purcell war die Begräbnismusik um die festlichen Instrumentalstimmen bereichert und die Betonung lebhaft gestaltet. »Yet o Lord« (Doch, oh mächtigster Herr) trat als Anrede und Ausruf, verbunden mit einer Bitte, deutlich hervor.
Alexander Morawitz moderierte das in Blöcken zusammengefaßte Konzert nicht nur dahingehend, daß er die Musik einordnete, sondern auch darauf einging, weshalb manche Stücke ausgewählt worden waren und wo die Herausforderungen für den Chor lagen. Denn gerade in den weit zurückliegenden Werken waren viele ungewohnte Harmonien und Strukturen zu finden, vom Text einmal abgesehen.
Wie bei Carlo Gesualdo, dessen »O vos omnes« (Oh, Ihr alle) sehr expressiv, gleichwohl a cappella vorgetragen, einen Schmerz ausdrückte. Viel konzentrierter, nur mit Soli besetzt, erklang etwas später das älteste Stück, »In paradisum«, einer Gregorianik aus dem 7. / 8. Jahrhundert.
Konnte man dies als Höhepunkt der Konzentration hören, gab es auch dramaturgisch ausgefeilte Stücke für Chor und Instrumente: Johann Michael Bachs Motette »Herr, wenn ich nur dich habe« und »Wie lieblich sind auf den Bergen« von Johann Ludwig Bach (Kantate ohne die Soloarien) standen dafür und nebenbei für die Thüringer Tradition einer ganzen Familie. Dazwischen war SINGularis mit dem Engelsgesang »Duo Seraphim clambant« (Zwei Serafim riefen) von Jakobus Gallus noch einmal ins 16. Jahrhundert zurückgekehrt.
Eine Herausforderung dürfte auch die »Übung« von Wolfgang Amadé Mozart gewesen sein, dessen Misericordias Domini (KV 222) einst als Studie notiert wurde, aber den Erfindungsreichtum im Umgang mit den Stimmen glänzend und originell darstellte.
Nach diesem Aufschwung trafen sich in Charles Ives‘ 42. Serenity (Gelassenheit) die ruhige Stimme von Alexander Morawitz und die äolische Oboe, bevor Peter Tschaikowskys »Hymne der Cherubim«, nun wieder a cappella und leiser werdend, den Engeln das letzte Wort überließ.
23. Februar 2026, Wolfram Quellmalz