Frauenkirchenkantor Matthias Grünert eröffnete Dresdner Orgelzyklus 2026

Daß Camillo Schumann als chronologisch letzter Komponist beginnen durfte, war dramaturgisch sicher richtig, denn trotz seines interessanten und beachtenswerten Werkes würde er wohl nicht als abschließendem Gipfelpunkt nach (über) Mendelssohn und Rheinberger akzeptiert worden sein. Doch auch unabhängig von solch konkurrierender Bewertung der drei Komponisten war der warme, schmeichelnde Klang des Allegro Maestoso aus der Sonate Opus 67 ein guter Auftakt für Konzert und Zyklus. Die vier Sätze Schumanns sind in teils kurze Abschnitte unterteilt, so folgte der Eröffnung ein hymnisches Thema, danach formte Matthias Grünert einen expressiven Anstieg, der in einem Gipfel-Allegro mündete. Eine Fuge war im ersten Satz kurz angedeutet, im Finale trat sie mit Veränderungen über das Thema »Lobe den Herrn« hervor.
Der Programmtitel »Klangwelten der deutschen Romantik« hatte es im Grunde vorgegeben, dennoch gibt es in der Deutschen Romantik eine Variationsbreite, die bis zu Humperdinck, Wagner oder Bruckner führen kann. Doch Frauenkirchenkantor Matthias Grünert hatte zum Auftakt des diesjährigen Dresdner Orgelzyklus mit dem ersten Konzert in der Frauenkirche weniger sinfonische Werke, sondern drei Orgelsonaten ausgewählt. Felix Mendelssohn markierte Mitte des neunzehnten Jahrhunderts einen (romantischen) Anfangspunkt, Camillo Schumann und Gabriel Rheinberger trugen die Gattung bis ins zwanzigste. Trotzdem mag die Form für die Auswahl vielleicht weniger ausschlaggebend gewesen sein – ohnehin zeigte sich in der Spätromantik ein fließender Übergang zwischen Orgelsonate und -sinfonie. Wichtiger – zumindest, wenn man den Spieler als Kantor wahrnimmt – war wohl eine andere Gemeinsamkeit: jedes der Werke schloß einen Choral bzw. Liedpassagen ein.
Felix Mendelssohns sechste Sonate (d-Moll, Opus 65, 6) nahm den Choral »Vater unser im Himmelreich« schon im ersten Satz auf. Zunächst erwachte das Werk, als trete es mit der Dämmerung hervor, und erreichte in einer Vielstimmigkeit wie von einem großen Chor einen Höhepunkt. Die Variationen waren erst mit klaren, die Botschaft vermittelnden Singstimmen erklungen, bevor sich mit der Polyphonie eine Steigerung in der Festlichkeit offenbarte.
Nun konnte man – der Höreindruck war noch frisch – gern vergleichen, welche Fugenarchitektur besser gefiel oder raffinierter gewesen sein mochte: die komplexere (spätere) von Schumann oder jene Mendelssohns, die vielleicht noch mehr Bach-Bezüge aufwies, aber doch die Meisterschaft höher setzte? Mendelssohn führte seine Zuhörer aber auch wieder zurück – vom Gipfel herunter oder ins Zentrum des Glaubens? Matthias Grünert ließ den Glanz und den Aufbau der Fuge wirken, doch überragte sie den Schlußsatz, in dem das Thema als frohes Lied (Tonartwechsel in der Sonate von d-Moll nach D-Dur) wiederkehrte, nicht.
Der Kontrast, den die Entwicklung der Gattung mit sich brachte, wurde mit dem abschließenden Stück vielleicht am deutlichsten. Ähnlich wie Camillo Schumann war Joseph Gabriel Rheinberger ein ungemein produktiver Komponist gewesen, beide hatten einen Schwerpunkt in Orgelliteratur. Rheinberger brachte es gar auf zwanzig (!) Orgelsonaten. Die letzte davon (F-Dur, Opus 196), im Todesjahr des Komponisten entstanden, könnte man als ein Vermächtnis sehen. Welcher Grund den Komponisten zum Untertitel »Zur Friedensfeier« bewegt haben mag, ist allerdings unbekannt. Das Werk umspannt sozusagen die Romantik und gibt am Beginn des zweiten Satzes einen Bezugspunkt zu erkennen, denn die ersten Akkorde erinnern noch an Johannes Brahms.
Matthias Grünert ließ schon das Praeludium prächtig wachsen, das in der Struktur die Zeit der Jahrhundertwende zu erkennen gab. Rheinberger griff mit dem beträchtlichen Umfang durchaus auch im Aufbau frühere Formen auf, als Praeludien bereits komplexer angelegt und bereits mehr als kurze Einleitungen waren. Das Brahms-Intermezzo (das diesen bald verließ) maß zwar etwa nur die halbe Länge (etwa fünf Minuten), war aber kaum »klein« zu nennen. Den vielleicht schönsten, beschaulichsten Punkt erreichte die Sonate im dritten Satz, in dem Matthias Grünert die pastoralen Farben harmonisch schillern ließ. Das Finale erlaubte interessante Vergleiche: einerseits wegen Parallelen in der strukturellen Anlage zu Camillo Schumann, andererseits beeindruckte, wie Rheinberger zwar nicht so energisch wie Schumann, dafür aber musikalisch agitativer wirkte.
26. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
In der kommenden Woche setzt Domorganist Sebastian Freitag den Dresdner Orgelzyklus an der Dresdner Hofkirche fort, eine Woche später kehrt Cameron Carpenter an die Eule-Orgel des Kulturpalastes zurück und spielt zum Film »Die Frau im Mond« (Fritz Lang).