Verrückte Liebhaber?

camerata musikus(s) frönt den »Mad lovern«

Wer sich für Barockmusik interessiert, kennt die »Folia«, die Tollheit, die sich in den Fassungen von Jean-Baptiste Lully oder Arcangelo Corelli (und vieler anderer) einer beständigen Beliebtheit erfreut. Die lebhafte Folia hat – wie die Tarantella – einen volkstümlichen Ursprung und ist vor allem in Südeuropa bekannt. Doch auch England kannte im 17. Jahrhundert seine Tollheiten. Dort war vor allem die Melancholy in Mode, an die uns John Dowland derzeit (400. Todestag) erinnert. Doch nicht nur in Liedern war sie präsent, ebenso in Opern, Balletten und Instrumentalstücken. Das Ensemble camerata musikus(s) hat sich vom englischen Mad lover (verrückter, tollkühner oder eifersüchtiger Liebhaber) zu einem neuen Programm inspirieren lassen, das es am Dienstag im Marcolini-Palais vorstellte.

Sätze aus John Eccles‘ Masque (Semi-Opera) »The mad lover« rahmten in drei Abschnitten den Abend, dazu kamen Titel, die ebenfalls aus Opern- oder anderen Bühnenwerken stammten. Damit holte camerata musikus(s) ganz Europa nach Dresden: Jan Dismas Zelenka (Trio Sonata Nr. 6) repräsentierte gleichzeitig Böhmen und Sachsen, Giovanni Battista Vitali und Francesco Durante (Concerto Nr. 8) standen nicht nur für Italien, sondern für die bedeutenden Schulen Bolognas und Neapels.

Lucas Cranach der Ältere Die Melancholie (Ölfarbe auf Holz, 76,5 x 56 cm, 1532), Musée d’Unterlinden, Colmar, Bildquelle: Wikimedia commons

Die größte Überraschung gab es vielleicht mit Johann Adolph Hasses Fuga Sol minore (Fuge in g-Moll) – wer hätte bei dem Hofcompositeur, der für Dresden vor allem Opern und Messen geschrieben hat, so ein ansteckendes, leidenschaftliches Stück erwartet? Die weiten Ausholbewegungen der Bögen schlugen sich unmittelbar in musikalischem Effet nieder. Und nicht nur das: hatten Eccles, Zelenka und Henry Purcell schon für Belebung gesorgt, steigerte sich Hasse gar in Zorn, wenn nicht Wut – war das noch »höfisch«?

Trotzdem lief die Musik keine Gefahr, »aus dem Ruder« zu geraten, denn Caspar Erler und Adele Pätz, die erste und zweite Violine mehrfach tauschten, Elisabeth Roiter (Viola), Paul Garnier (Violoncello), Anne-Kathrin Tietke (Laute, Barockgitarre und Perkussion) sowie Hannes von Bargen (Cembalo) sorgten für musikalische Ordnung, deren Ungestüm sich in Virtuosität entlud (welche Ironie, bedeutet das Wort doch ursprünglich »Tugend«) und leiteten die Madness in köstliche musikalische Unterhaltung um. Das war nicht zuletzt insofern wichtig, da die englische Melancholy eben nicht über die Lebhaftigkeit mit italienischer Folia verfügt – aus der melancholischen Stimmung, und sei sie noch so nobel, muß man definitiv wieder herausfinden.

Das gelang der camerata musikus(s) spielend. Adele Pätz führte außerdem durch das Programm. Auch wenn etwas knapper ausreichend gewesen wäre: die Hintergründe zu den Werken, was die Sätze darstellten, welche die Handlung der Opern war und welches Schicksal zum Beispiel Venus widerfuhr, war in jedem Fall interessant.

Zumal die Werke ausnahmslos »neu« gewesen sein dürften, denn keines stammte aus den Lieblingstiteln des Barock oder über die Folia, die gern und oft gespielt werden. Die Opern kennt man sowieso kaum, das zählt selbst für so bekannte Vertreter wie Henry Purcell – hier gab es Gelegenheit, mit seinem Frühwerk »The virtuous wife« (Die tugendhafte Gattin) in Berührung zu kommen.

Das führte zu manchen gewitzten »Scharmützeln« der beiden Violinen, fugierte Steigerungen des Ausdrucks über Viola und Violoncello bis in den Basso continuo beherrschte das Ensemble ebenso. Nicht nur die Violinen tauschten die Rollen, auch sonst gab es kleine Besetzungsverschiebungen, was zur Abwechslung beitrug. So konnte man das metrisch vertrackte Balletto Giovanni Battista Vitalis bewundern, bei dem Violinen und Begleitung in drei verschiedene Rhythmen laufen, John Blow hatte seinem »Venus and Adonis« ein fallendes Jammerglissando eingefügt, bevor zweite Violine (jetzt mit Caspar Erler) und Viola ein verliebtes Duett sangen. John Eccles wiederum stand für die englische Tradition, die Melancholie äußerst tänzerisch einzufangen – letztlich siegte die Heiterkeit!

11. März 2026, Wolfram Quellmalz

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