Orgelzyklus startet in der Dresdner Kreuzkirche ungewöhnlich
Normalerweise klingen im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ vor allem die Orgeln der drei Hauptkirchen (Kreuzkirche, Hofkirche, Frauenkirche). Doch in diesem Jahr hat die Reihe bereits eine Quote der Ungewöhnlichkeiten von 50 Prozent: nachdem das erste Konzert im Kulturpalast bereits ein Extra mit Stummfilm war [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/16/historische-science-fiction-beeindruckt-cineastisch-und-musikalisch/%5D, folgte auch das vierte am Mittwoch einem besonderen Format. Holger Gehring machte aus der Not sozusagen eine Tugend, denn da die große Jehmlich-Orgel, die erst in der Osternacht wieder erwachen soll, derzeit nicht zur Verfügung steht, wich er auf das kleinere Instrument von Wegscheider aus. Dieses ist nicht nur im Ort mobil sowie in der Stimmhöhe flexibler, es läßt sich außerdem gut mit einem Kammerensemble kombinieren. Dafür holte sich der Kreuzorganist bewährte Partner ins Haus, denn die Musiker der Dresdner Philharmonie arbeiten oft mit ihm zusammen.
Diesmal kamen sie mit Konzertmeister Wolfgang Hentrich als Philharmonisches Kammerorchester Dresden (PKD). Es arbeitet nicht wie andere Ensembles mit Gästen, sondern setzt sich fast ausschließlich aus Mitgliedern des eigenen Orchesters zusammen – die »Kleine Dresdner Philharmonie« nannte es Wolfgang Hentrich im Vorgespräch »Unter der Stehlampe«.

Dort kann man jeweils 19:19 Uhr ein wenig mehr zum Konzert und zu den Werken erfahren, als im Programmheft steht. Und manchmal hört man die Musiker »unter sich«. Da nannte Holger Gehring die Musik von Joseph Haydn doch »fummelig«! Womit er aber seinen Gesprächspartner nur im Spaß herausfordern wollte. Worum es ihm ging, war, die Probenarbeit zu illustrieren, denn zwei der Werke wurden auf der Orgel gespielt, eines auf dem Cembalo. Das letztere kann man dynamisch kaum beeinflusse – es ist so laut (oder leise), wie es ist und darf vom Kammerorchester nicht übertönt werden. Umgekehrt kann aber die Orgel leicht dominant werden. Die Balance zu finden, war also eine wesentliche Herausforderung, denn beim Klassiker Haydn »teilt« sich das Tasteninstrument oft – die rechte Hand spielt konzertierend Soli und Melodie, die linke gehört mitunter zum Basso continuo.
Schon das Instrument Orgel scheint ungewöhnlich bei Haydn – scheint. Denn die Werkgruppe Hob XVIII umfaßt ganz allgemein Konzerte für Tasteninstrumente. Das bekannteste ist vielleicht das elfte, das man hin und wieder auf einem modernen Konzertflügel hören kann. Vor allem die ersten sechs sowie das achte sind außerdem für Klavier bzw. Cembalo beliebt. Aber: auch die Orgel hat Tasten!
Und so erwies sich das Konzert Nr. 10 C-Dur (Hob XVIII:10) als kein bißchen »fummelig«, sondern von reizvoller Kleinteiligkeit, die aber mit einem warmen Streicher- und Orgelklang eingeleitet wurde. Diese Wärme, die an Mozart erinnerte, trat noch schöner im Adagio molto des letzten der gebotenen Stücke (Concerto Nr. 2 D-Dur Hob XVIII:2) hervor.

Das Moderato wurde zunächst aber fröhlich. So etwas hätte auch Vivaldi schreiben können – bis die Orgel in den hohen Registern als zweite Stimme hervortritt und Haydn zu erkennen gibt. Dabei blieb es im wiegenden Adagio und dem gediegenen Allegro, daß Holger Gehring und das PKD weder zu flott noch zu metrisch exakt, dafür aber tänzerisch boten.
Eine kleine Umbaupause diente dazu, das Cembalo in die Mitte des Altarraums zu schieben. Das Doppelkonzert Nr. 6 F-Dur (Hob. XVIII:6) öffnete neue Klangwelten und eine andere Balance – aber die Ausgewogenheit war getroffen. Etwa die Hälfte der Probenarbeit, hatte Wolfgang Hentrich erzählt, wird übrigens zu Hause geleistet, wenn sich die Musiker auf ihr Stück bzw. die Stimme vorbereiten. Das war offenbar geschehen, wie nicht nur die Soli vom Konzertmeister der Dresdner Philharmonie und vom Kreuzorganisten zeigten. Neben dem virtuosen Wechselspiel blieben die Stimmen von zweiter Violine, Viola und Violoncello gleichermaßen hervorgehoben. Auch ließ sich beobachten oder hören, wie immer wieder Cembalo und Basso continuo verschmolzen.
Natürlich war das nicht »fummelig«, sondern filigran, wie das letzte Konzert (Nr. 2 D-Dur Hob, XVIII:2), nun wieder mit der Orgel, bewies. Das »Frühlingserwachen« des Programmtitels drang deutlich durch – Haydn hat sicher wie Vivaldi mit seinem Stieglitz ebenso die Vogelwelt gehört und nachempfunden!
19. März 2026, Wolfram Quellmalz
Im nächsten Orgelkonzert der Kreuzkirche (15. April) ist Frauenkirchenorganist Niklas Jahn zu Gast. Ihm stehen nach erfolgter Reparatur der großen Orgel deutlich mehr Bässe (oder Baßvolumen) zur Verfügung, als das bisher war.