François Leleux im Osterkonzert der Dresdner Philharmonie
Die Dresdner Philharmonie »probiert« nicht nur gern junge Dirigenten aus, sondern auch solche, die sich später entschließen, aus dem Orchester oder der Solistenkarriere ans Dirigentenpult zu wechseln. Emmanuel Tjeknavorian war kürzlich ein Beispiel für beide Kategorien, aber die Philharmonie kann dabei auf grundlegend gute Erfahrungen zurückblicken, wie das Beispiel Michael Sanderling (Chefdirigent von 2011 bis 2019) gezeigt hat.
François Leleux gehört ebenso in diesen Kreis. Zwölf Jahre lang war er Solooboist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – so eine Stelle bei so einem Orchester gibt man nicht einfach so auf. Doch Leleux entschied sich dafür, mehr zu unterrichten und dem Dirigieren größeren Raum einzuräumen. Dabei verlegte sich der Oboist nicht aufs bekömmliche Ausprobieren mit einem Repertoire um sein Instrument, sondern übernahm im steigenden Maße Verantwortung, wie derzeit bei der Kammerakademie Potsdam (Künstlerischer Leiter seit dem vergangenen Jahr).
Ein bißchen Oboe darf es dennoch sein, wenn ein Orchester François Leleux als Gastdirigenten einlädt. Gerne auch etwas mehr, oder schien es am Ostersonntag nur so, als würden die Philharmonieoboen in den Sinfonien ganz besonders »antworten«?

Die Programmfolge war so kurzweilig wie originell, denn sie begann gleich mit einer Sinfonie. Sergei Prokofjew hatte seine erste, die Symphonie classique, nach eigenem Bekunden an Joseph Haydn ausgerichtet. Doch seine Sätze schließen italienische wie französische Formen ebenso ein.
Die Besetzung, klein und reich gleichermaßen, überraschte ein wenig: an sich wenige Musiker, saßen die Violinen links nebeneinander, die Celli rechts gegenüber. Angesichts der Größe des Orchesters konnte man aber kaum von »amerikanischer Aufstellung« sprechen. Offenbar wollte Leleux – wie später bei Mozart – einen besonders geschlossenen Charakter betonen. Die Überraschung sollte sich nach der Pause fortsetzen: für Beethoven wechselte das Orchester auf »deutsch« (erste und zweite Violinen links und rechts gegenüber, Celli in der Mitte).
Reich war Haydns Besetzung in den durchgehend paarweisen Bläsern. Von hier kamen, nicht nur von den Oboen, besondere Akzente. Das Fagott (Daniel Bäz solo) ließ den ersten Satz in eine Spitze laufen, bevor das Larghetto einen sanften, geschlossenen Serenadencharakter annahm. Die Gavotte nahm François Leleux ausgesprochen grazil, gestaltete aber auch Crescendo-Verläufe wie mit der Pauke im Molto vivace – da drängt sich fast die Idee eines Versuchs auf, die Symphonie classique einmal wirklich mit alten Instrumenten und den Mitteln der historischen Aufführungspraxis à la Haydn zu spielen!
Am Sonntag ging es aber à la Mozart weiter. Kaum zu glauben, daß sein Oboenkonzert C-Dur (KV 314) zuletzt vor über dreißig (!) Jahren bei der Dresdner Philharmonie erklungen sein soll! Gerade hier zeigten sich Qualitäten, die das Muskantische nicht nur berühren, sondern voraussetzen, das gemeinsame Verständnis der Werke, das einen durchgehenden Interpretationsfluß erlaubt, auch wenn der Dirigent die meiste Zeit zum Solisten wird und weniger korrigieren und lenken kann.
Darin vollführten Leleux und das Orchester einen begeisternden Paarlauf, der sich nicht nur zeigte, wenn die Solooboe in den »Schwestern« der Philharmonie (dort mit Johannes Pfeiffer und Akademist Joonha Jun) oder den Hörnern weiterklang. François Leleux offenbarte eine Kantabilität, die sich im Adagio auf das Orchester übertrug, sowie eine Eloquenz und ein geläufiges Parlando – Mozart nicht virtuos herausgestellt, sondern als Gesamtereignis aller Musiker! Für den Ostersonntag gab Leleux danach ein Adagio aus Bachs Osteroratorium dazu.
Mit Ludwig van Beethoven sechster Sinfonie durfte der frühe Abend pastoral ausklingen. Nun in den Dimensionen um einiges gewachsen, fand die Dresdner Philharmonie zu klangvollen Naturbeschreibungen, die nicht nur die Stimmen der Vögel einschlossen, sondern auch die aufsteigende Wärme des Tages, die sich schließlich in einem Gewitter entladen sollte, das aus dem nichts zu kommen schien. Die Übergänge waren in den Teilen wie innerhalb des Orchesters fein gestaltet, wie im zweiten Satz der Wandel der Pizzicati in gestrichene Passagen. Ein insgesamt wunderbar (pastorales) Bild!
6. April 2026, Wolfram Quellmalz