»Jahreszeiten« für Klavier und Cello

Vier unterschiedliche Sonaten für Violoncello und Klavier hatten sich Hélène Grimaud und Jan Vogler für ihren Auftritt bei den Dresdner Musikfestspielen vorgenommen. In Frankreich, Deutschland und der jungen Sowjetunion innerhalb eines knappen Jahrhunderts entstanden, sind sie in Anlage, Form und Charakter so unterschiedlich wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter: Claude Debussys Sonate d-Moll, Johannes Brahms‘ erste Cellosonate sowie die »Fantasiestücke« op. 73 von Robert Schumann und Dmitri Schostakowitschs Sonate d-Moll.

Wie schon beim Klavier-Rezital der Pianistin 2012 spielten Hélène Grimaud und Jan Vogler vor dem eisernen Vorhang – leider. Denn akustisch war dies kein Gewinn. Vor allem stürmte Hélène Grimaud derart vehement los, daß sie ihren Partner praktisch überwältigte. In Konzerten mit Cello wartet man immer auf das sprichwörtliche »singen« dieses Instrumentes, am vergangenen Donnerstag war davon zunächst wenig zu hören. Jan Vogler raute die Sonaten und Fantasiestücke mit kräftigem Bogenstrich auf, fügte den süßen Klängen einen herben Ton hinzu. Gegen den dominanten Steinway-Flügel klang das Stradivarius aber vor allem kratzend. Dabei haben gerade Debussy und Brahms in ihren Stücken dem Piano keine bevorzugte Rolle zugeschrieben. (Allerdings soll Brahms, einer im Programmheft abgedruckten Anekdote nach, seinen Cellopartner Josef Gänsbacher bei einer Aufführung der Sonate derart übertönt haben, daß Gänsbacher sich beschwert und Brahms mit den Worten, daß das auch besser so sei, noch lauter gespielt haben soll. Hélène Grimaud liebt bekanntlich Brahms, aber so weit ginge sie wohl nicht…)

Sehr metallisch und perkussiv spielte Hélène Grimaud Debussy, Jan Vogler begleitete sie mit viel Seligkeit, reichlich Vibrato. Vor allem in den leiseren Passagen kam dies zum Ausdruck. In den Tempi mangelte es beiden nicht an Feinabstimmung bzw. fanden die musikalisch seelenverwandten Musiker schnell zusammen.

Auch in Brahms »donnerte« Hélène Grimaud hinein, und nur in den celloführende Passagen, in denen sich der perkussive Grimaud-Klang mit dem aufgerauten, sanglichen Cello Jan Voglers mischte, entfalteten die beiden Musiker jenen traumwandlerischen, sommerlichen Sonatenton Johannes Brahms‘. Sobald sich Hélène Grimaud etwas zurücknahm, ergaben sich wunderschöne klangliche Eindrücke. So zum Beispiel im zweiten Satz, der alle Leichtfüßigkeit hatte. In Brahms Allegro konnte man schließlich – als kleines Präludium – Kontrapunktik des Klavieres entdecken, das Violoncello wiederum kaum.

Zwei Tage zuvor hatte Hélène Grimaud in Leipzig einen Klavierabend mit vorwiegend französischen Komponisten im ersten Teil gegeben, auch Claude Debussy, und einer Sonate von Johannes Brahms. Im Gewandhaus hatte es für den zweiten Teil insofern eine Umstellung gegeben, daß der Saal nun völlig abgedunkelt worden war. In Dresden wartete man gespannt, ob es auch hier, bei ähnlichen Programmanteilen, einen Wechsel geben werde. Nein, der blecherne Vorhang blieb leider, dafür war die »Justierung« der beiden Musiker nun sehr glücklich umgestellt. Denn mit dem ersten Ton war jetzt ein Gleichgewicht spürbar, ließen sich Hélène Grimaud und Jan Vogler in Schumann »fallen«. Nun komponierten sie aus perlenden Klavierklängen und reichem Cello betörende Fantasiestücke. Selbst gehaucht waren beide zu hören und gerade dann besonders intensiv und klangschön. Schumanns abschließendes »Rasch und mit Feuer« barg jede Menge bebende Freude!

Und noch eine Zäsur, diesmal zu Dmitri Schostakowitsch. Energiegeladen und impulsiv spielten Hélène Grimaud und Jan Vogler seine erste Cellosonate, ließen Glöckchen klingen. Den Largo endenden ersten Satz gestalteten sie als verschattetes Nachtstück, bevor es in einem wilden Tanz durch den zweiten ging. Im dritten schließlich, ebenfalls Largo, sublimierte Hélène Grimaud allerzarteste Töne und ließ in den Schlußsätzen sogar in der Begleitung Anklänge an Debussy aufblitzen.

Vor drei Jahren hatten die beiden Musiker eine Aufnahme mit Bearbeitungen Robert Schumanns »Dichterliebe« herausgebracht. Nun – Musiker wie Publikum waren in Festspiellaune – gab es noch vier Zugaben aus diesem Zyklus.

23. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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