Großer Klavierabend

Musikfestspielen Dresden: Peter Rösel im Palais im Großen Garten

Man kann es für ein »altes« Format halten: Ein klassischer Pianist spielt Klavier, ein klassisches Programm, sonst nichts. »Altes« Format? Peter Rösels Konzert bei den Musikfestspielen war binnen kürzester Zeit ausverkauft, so daß ein zweites Konzert angesetzt werden mußte. Es findet heute (Donnerstag) statt und ist ebenfalls ausverkauft. Peter Rösel ist viel in Asien zu erleben, Gastspiele führen ihn derzeit nach Amerika und Japan, gerade letzteres scheint eine künstlerische Heimat geworden zu sein. Auftritte in Dresden und der Umgebung sind dagegen selten, dabei wartet das Publikum darauf, wie man jetzt wieder erleben konnte.

Der 70. Geburtstag des Pianisten war wohl Anlaß genug, einen Konzertabend, ein Klavier-Recital, auf das Programm zu setzen (wie man überhaupt sagen kann, daß die Musikfestspiele den zuletzt etwas vernachlässigten Klavierabend in diesem Jahr gleich mit mehreren Pianisten wieder aufleben lassen: auch Boris Giltburg und Olli Mustonen sind noch zu erleben). Peter Rösel hatte (sich) für das besondere Konzert auch ein besonderes Programm zusammengestellt. Keine Experimente, sondern Lieblingsstücke, den Glanz der Wiener Klassik. Die jeweils letzten Sonaten von Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert – beinahe ein Vermächtnis.

Und dann war es vor allem eines – Musik. Keine Gala, keine Feier – Peter Rösel läßt das Werk sprechen. Ob Haydns Es-Dur Sonate Nr. 52, Beethovens übermächtige 32 im schicksalshaften c-Moll oder Schuberts grandiose B-Dur-Sonate – Peter Rösel hüllt die Stücke in Gediegenheit, Angemessenheit, fügt nichts hinzu, zeigt, was da ist. Haydns Motive zum Beispiel, die verspielt und umschlungen durch den Saal hüpfen, Überraschungen bergen – auch nach 220 Jahren. Da scheint uns »Papa Haydn« im zweiten Satz zuzulächeln, bevor er im Finale jede Altersweisheit und Gesetztheit mit jugendlichem Elan zurückweist, wirbelt, beinahe wild wird.

Beethoven ist dann, knapp 30 Jahre später, um vieles dramatischer. Auch das Format hat er erweitert, geradezu gesprengt. Was selbst seinen Verleger erstaunt (verstört) zu haben scheint, fasziniert uns heute, vor allem, wenn es glänzend vor einem enthüllt wird. Und – so wie Haydn seine Zuhörer im ersten Satz mit einer Trübung, einem Innehalten überrascht, bevor er sein Allegro beschließt, gibt es bei Beethoven umgekehrt einen plötzlichen Lichtschimmer. Peter Rösel beherrscht das Spiel dieser Schatten, der Farben, weiß Leuchtkraft zu erzeugen. Auch Beethoven läßt er uns zulächeln, und war das nicht Bach, der Beethoven mystische Kontrapunkte zugeflüstert hat? Noch mystischer wird der zweite Satz, rhythmisch, fremd. Man fragt sich, ob Beethoven da vorausgeblickt oder Nachschaffende bei ihm abgeschaut haben, was uns – viel später – als »neu« erschien. Mystisch ist Peter Rösels Auftritt niemals, nur reduziert, konzentriert. Perlende Läufe, Akkorde, Arpeggien – es scheint alles offen darzulegen, so einfach. Und doch…

Und schließlich Schubert. Auch ihn läßt Peter Rösel lächeln, aus der Ferne – nein, das sollte kein Abschlußwort sein! Weder von Schubert noch von Peter Rösel. Innehaltend, bedenkend ist sein erster Satz, mit langen Pausen. Voll innerer Freude und Lebhaftigkeit das Scherzo, ein Lebenslicht, eine Verheißung. Kraftvoll, aber auch mit Leichtigkeit gestaltet der Pianist das abschließende Allegro ma non troppo – kein Schlußwort, nein. »Deckel zu, aus!« – das paßt hier nicht, nach Schuberts D 960 sollte noch etwas mehr kommen, viel mehr!

Auch an diesem Abend sollte noch etwas kommen. Zum Beispiel fehlte da einer – Mozart. Der letzte Satz seiner letzten Sonate, D-Dur, einfach brillant. Das Publikum folgt – wie schon den ganzen Abend – gebannt. Da gibt es keine Unruhe, niemanden, der aufspringt, »Bravo!« brüllt oder frühzeitig klatscht – auch die Zuhörer sind an diesem Abend irgendwie »klassisch«.

Da fehlt noch etwas, da ist noch etwas zu sagen. In Zukunft sicher, denn diese dreieindrittel letzte Sonaten waren nicht das letzte Konzert von Peter Rösel in Dresden. Ein Abschluß für diesen Abend findet sich bei Bach: »Jesu bleibet meine Freude«.

In aller Stille, unaufgeregt, geht das Publikum auseinander, Peter Rösel gibt noch Autogramme; ringsum hört man von der Begeisterung, die dieser Abend bereitet hat. Meist sind es Gedanken, daß es »so etwas (doch) noch gibt«, daß der Pianist allein aus der Musik schafft, kein Schauspieler ist. Ganz klar: bis zum achtzigsten will hier niemand warten…

28. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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