Sinnen über die Liebe, parlieren auf der Posaune

Meisterkonzert mit Christian Brückner

Das zweite der vom Moritzburg Festival ausgerichteten »Meisterkonzerte« überraschte mit der Nennung eines Sprechers statt eines Musikers an erster Stelle. Doch Christian Brückner ist nicht irgendein Sprecher, für viele ist er der Sprecher, die Stimme, zumindest einer derer. Daß er zuvörderst genannt wurde, hatte schlicht den Grund, die Worte zu betonen, denen der Abend galt. Stefan Schulz, Posaunist der Berliner Philharmoniker, hatte schon vor einigen Jahren ein Konzept entwickelt, seiner Baßposaune das Singen und Sprechen beizubringen und so als »Liedsänger« aufzutreten. Die Texte wurden außerdem gelesen, so daß sich Emotionen und Gedanken entlang beider Wege vertiefen konnten.

Mittlerweile ist das Konzept noch weiter gereift, mit Christian Brückner und Pianistin Saori Tomidokoro als Partner war es am Freitagabend auf Schloß Albrechtsberg zu erleben. Und: ja, der Sprecher bzw. die Texte standen tatsächlich im Vordergrund, denn eindringlicher, verbindlicher, einfühlsamer als Christian Brückner kann man sie kaum lesen. Stefan Schulz spürte den Texten auf seine Weise nach: weich, abgerundet, mit feiner Phrasierung verband er den Hauch eines Gedankens mit dem ausgesprochenen Wort, und mindestens bei den Worten »Ich liebe Dich« schien es so, als hätte die Posaune diese ausgesprochen.

Die Spannung zwischen »Vorleser« und »Nachspieler« ergab sich nicht zuletzt daraus, daß dem Konzept kein allzu eingängiges Schema zugrunde lag, etwa einer direkten Folge des Liedes nach dem gelesenen Text. So ergab sich gerade der erste Teil vor der Pause als sehr geschlossen – hier kreisten die Gedanken um die verlorene, vergangene oder nicht erfüllte Liebe, welche Friedrich Rückert (»Du bist die Ruh«) ebenso in Worte gefaßt hatte wie Charles Baudelaire (»An eine, die vorübergeht«) oder Kurt Tucholsky (»Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen« ). Stefan Schulz‘ Posaune folgte den Zeilen nicht zu direkt, vermochte dabei zu bitten, zu flehen und sehnsuchtsvolle Erinnerungen zu wecken, so daß einem die zuvor gelesenen Worte wieder ins Gedächtnis gerufen wurden.

Den zweiten Teil eröffnete Stefan Schulz solo mit einer zornigen Fanfare, welche Saori Tomidokoro mit einem über die Saiten des Klavieres gerissenen Akkord erwiderte, bevor beide zu Franz Schubert (»Wo bist du, mein geliebtes Land?« aus »Der Waderer« Georg Philipp Schmied von Lübeck) zurückkehrten. Christian Brückner las nun »Über das Verhältnis zur Musik«, über die »Unbekannte Straße« und schließlich über Clara Schumann und Johannes Brahms. Denn Brahms‘ »Vier ernste Gesänge« waren Ausgangs- und Kernpunkt des Programms und schlossen es auch ab. Zuvor hatten Stefan Schulz und Saori Tomidokoro den musikalischen Raum um improvisatorische Elemente und den Jazz bereichert. Den »Vier ernsten Gesängen« verliehen sie eine ungestüme Innigkeit – ein Aufbäumen und Wehren gegen das Ende, den Tod?

So schien es fast, als stünden Robert Schumann oder Hugo Wolf einmal in der zweiten Reihe – aber warum nicht einmal deutlicher auf die Worte achten?

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