Sprung im Glas

HUGO RAMNEK »DIE SCHNEEKUGEL«

Im Rückblick auf das Leben werden die Brüche deutlich, auch solche, die sich nicht sogleich zu erkennen gegeben haben, wie etwa nach einer Scheidung oder dem Tod eines Angehörigen. Manche Verwerfung gibt sich jedoch nicht als Ereignis zu erkennen, sondern erweist sich erst im nachhinein als Weggabelung oder Stufe.

Hugo Ramnek läßt seinen Erzähler in einem Moment der Stille, der den gewohnten Fluß und die gepflegten Rituale ebenso unterbricht, wie er dazugehört, verharren, zurückblicken: Es ist kurz vor Weihnachten. Die Eltern sind alt geworden, seine Frau kann ihn aus familiären Gründen einmal nicht begleiten, als er ins Elternhaus zurückkehrt, zu Vater und Mutter, die immer noch dort wohnen, wo er mit seinen Geschwistern großgeworden ist. Das Haus hat sich verändert, ist ebenso alt geworden, hat aber vieles bewahrt: manche Erinnerung und manchen alten Gegenstand.

Wie die Schneekugel, die der Erzähler seit seiner Kindheit hat und die im Haus seiner Eltern geblieben ist. Ihre Glaskuppel hat seit Jahren einen Sprung, und dennoch schneit es weiter in ihr.

Leseprobe:

Jemand kommt aus dem Haustor. Er zieht die erste Spur. Einer zieht immer die erste Spur. Er blickt zurück. Sein Weg verschwindet in der weißen Finsternis. Er geht in einem Durcheinander von unsichtbaren, weggeschmolzenen Spuren. Im Schneenebel sieht er kaum seine eigenen Atemwölkchen.

Das Weiß bedeckt ein Gewirr von Spuren, ein Dickicht von Fährten am Waldrand, Schleifspuren auf dem Forstweg, geknickte Äste, Blutstropfen.

Immer, wenn man die Schneekugel schüttelt, werden künstliche Schneeflocken aufgewirbelt, beleben das Bild und decken schließlich alles in stiller Ruhe zu: Berge, Bäume, Fußspuren …

Wenn sie früher abends wieder nach Hause fuhren, standen die beiden in der Haustür, er leicht nach vorne gebeugt, sie stark nach hinten, Onkel und Tante, so anders und doch verwandt, und sie winkten ihnen nach, Vater am Lenkrad, Mutter neben ihm, und er mit seinen Geschwistern hinten im Dunkel des Wagens, draußen die Abendschwärze des Grenzlandes, und auf eine traumhaft-schwebende Weise neben ihm, bis er sie vergessen hatte.

Immer wieder schüttelt der heimkehrende Sohn die Schneekugel, immer wieder tauchen Bilder aus der Vergangenheit auf: von den Geschwistern, von Onkel und Tante, die so unterschiedlich waren, von Trauerfeiern … Es sind unzählige Erinnerungen, an die Kinderzeit, an den Pfarrer, an Gottesdienste und die Last des Ministrierens, an Doppelmoral und Intoleranz, ans Verschweigen, nicht besprechen.

Und jetzt lenkt er den Wagen, neben ihm sitzt der Vater, hinter ihm die Mutter, Schwester, Bruder, er winkt den Hinterbliebenen im Hof und biegt um die Ecke. Und auf der Heimfahrt sieht er sie im Schatten der Grenzberge, den Onkel und seinen Bruder, die Tante und ihre Mutter, den Cousin seiner Mutter. Und die Gehenkten.

Die Erinnerungen gehen über das persönliche und die Familie hinaus, ergreifen die Stadt, die zweisprachig war und wieder ist, an slowenische Flüchtlinge von heute, an die KZ-Flüchtlinge von früher, an den Krieg. Diese Erinnerungsbilder gehören wie jene der Mutter und der Großmutter zur Familiengeschichte. Hunderte, Tausende ungarische Gefangene, die nachts auf einem Todesmarsch durch die Stadt kommen, ein Wischen, Schlurfen, Schleifen. Die Vergangenheit scheint ebensooft erinnert wie nicht aufgearbeitet – was ist die größere Gefahr? Der in den Slowenischen Bergen lebende Petzenbär oder die deutschnationale Stimmung der alten und neuen Nazis?

Wo fängt Familie an? Wo hört sie auf?

5. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

Schneekugel
Hugo Ramnek »Die Schneekugel. Ein Roman in Erzählungen«, Roman, Wieser Verlag, fester Einband, Lesebändchen, 128 Seiten, 21,- €, auch als e-Book (12,99 €)

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