Noch ein »Rückkehrer«

Dresdner Orgelzyklus wird fortgesetzt

Zwar sind wir noch weit entfernt vom normalen Kulturleben, großen Sinfoniekonzerten oder Opernvorstellungen, aber hier und da sprießen wieder manche Konzertangebote hervor. Viele sind von freien Musikern oder Kirchgemeinden organisiert, die Dresdner Kreuzkirche zeigte und zeigt in der Corona-Zeit ebenso Präsenz – man kann den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern nur Dank sagen!

Gestern konnte so der unterbrochene Dresdner Orgelzyklus fortgesetzt werden. An der großen Jehmlichorgel war diesmal kein auswärtiger Gast, sondern Domorganist Johannes Trümpler. Dessen Hauptinstrument, die große Silbermannorgel der Katholischen Hofkirche, ist derzeit jedoch nicht zugänglich, denn in der Kathedrale finden Umbauarbeiten statt, weshalb alle darin enthaltenen Kunst- und Kulturgüter sicher verpackt sind. Für Johannes Trümpler heißt das, während liturgischer Veranstaltungen im Seitenschiff zwischen Baugerüsten und an einer elektronischen (!) Orgel zu sitzen.

Insofern dürfte ihn der Ausflug an die Nachbarkirche gefreut haben. Das der gebürtige Saarländer sowohl eine Vorliebe (wohl eine unter vielen) für die farbenreiche, oft sinfonische französische Orgelmusik hat und darüber hinaus ein Händchen (»und Füßchen« müßte man angesichts der Notwendigkeit, Pedale einzubeziehen, ebenso sagen) hat, wissen wir spätestens seit seinem Antrittskonzert im Orgelzyklus am 1. Juli 2015. Damals standen unter anderem eine Choralphantasie César Francks sowie die Passacaglia c-Moll BWV 582 auf dem Programm.

Wie immer in der Kreuzkirche gab es vorab das Gespräch »Unter der Stehlampe«, auch wenn diese momentan nicht in der Heinrich-Schütz-Kapelle, sondern im Altarraum stehen muß (um die Plätze der Besucher koordinieren zu können). Erleuchtend sind die Minuten meist, denn über die im Programmheft zu findenden Werkinformationen hinaus können sich der jeweilige Gast und der Kreuzorganist über Leben und Lehrer austauschen. Gestern verglichen Johannes Trümpler, der einige Jahre im Kloster Maria Laach tätig war, und Holger Gehring ihre Erfahrungen mit Orgeln, Mönchen, Stiftsherren, Besuchern und den Arbeitsbedingungen in verschiedenen Klöstern.

Wer am vergangenen Sonnabend in der Kreuzvesper gewesen war, der fand mit Johann Sebastian Bachs Fantasie super über »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott« (BWV 651) sozusagen gleich den »Anschluß«. Ebenso frei wie mit Kraft beflügelte Johannes Trümpler sozusagen den Geist.

Mit vier Stücken Louis Viernes wandte sich der Solist des Abends dann einem seiner Lieblingssujets und einem der Jubilare dieses Jahres zu – wir feiern im Oktober Louis Viernes 150. Geburtstag. Mit drei »Bildern« gab es sinfonisch-impressionistische Werke, die dazwischengeschobene Toccata sorgte für strukturelle Komplexität. In der Folge schien der Kontrast jedoch kraß, nach »Claire de Lune« spielte Johannes Trümpler die im Verhältnis grelle Toccata, der sich der »Étoile du soire« (Abendstern) anschloß. Vielleicht wollte der Organist eine allzu verdunkelnde, romantische Abendstimmung vermeiden?

Das Spiel mit Licht und Farben versteht er jedoch. Gerade die Gegenüberstellung des zart aufschimmernden (aufgehenden) Mondes von »Claire de Lune« und der glitzernden Sternenvielfalt zeigte, wie unterschiedlich der Impressionismus Nachtgestirne oder Himmelskörper in der Dämmerung und Nacht zu beschreiben vermag, in Bildern wie in der Musik.

Noch einmal ging es zurück zum Pfingsthymnus »Veni creator spiritus«, den Maurice Duruflé in einem Prélude, Adagio et Choral varié verarbeitet hatte. Der Komponist hatte in der engmaschigen Verwebung von Choralzitat, -verarbeitung und Begleitung die Ambiguität dessen, was wir unter »Heiliger Geist« verstehen, zeigen wollen. Diese Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit ließ Johannes Trümpler immer wieder aufblitzen. Irisierend, schäumend begann sein Préludespiel, führte sogleich in majestätische Erhabenheit, ohne jedoch (auch nicht in den Farben) pompös zu wirken. Gerade das Widerspiel von Choralzitat, Reflex und Begleitung faszinierte enorm! Im Adagio wiederum wurde das Wachstum, die Strömung zwar nicht unterbrochen, zumindest nicht durch Stillstand, dennoch gab es Momente des Innehaltens.

Mit dem hymnischen Impetus der Verkündung endete der Orgelabend in lichtem, beflügelndem Glanz.

4. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert des Dresdner Orgelzyklus findet am 17. Juni statt. Frauenkirchenorganist Samuel Kummer wird dann an »seiner« Kern-Orgel Werke von César Franck und Louis Vierne spielen.

In der Kreuzkirche erklingt die Orgel eine Woche später wieder. Wegen der augenblicklichen Einschränkungen muß Daniel Roth (Paris) seinen Besuch jedoch verschieben (voraussichtlich auf Sommer 2021, Informationen dazu finden Sie zu entsprechender Zeit auf den Seiten der Kreuzkirche oder im Programmheft des Orgelzyklus‘). An seiner Stelle wird Holger Gehring am 24. Juni Werke von Felix Mendelssohn, Gustav Adolf Merkel, Fritz Lubrich und Arno Landmann spielen und somit Musik aus seinen ausgefallenen Abenden nachholen können.

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