Familienbande und Gartenlandschaften

294. Begegnung der Künste

Am Sonnabend konnte die beliebte Reihe der Begegnung der Künste im Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) fortgesetzt werden. Die Veranstalter – Freunde des Albertinums e. V. – dürfen durchaus stolz sein, unterstützen sie das Museum doch nach Kräften, werden tätig. Das diesmal im Mittelpunkt (im wahrsten Sinn des Wortes) stehende Bild, Oskar Zwintschers »Fruchtsegen« von 1913, konnte vor drei Jahren mit Hilfe der Freunde angeschafft werden und vergrößert seit dem den Bestand an Bildern des Malers bei den SKD. Das üppige, farbenfrohe Gemälde ist derzeit Teil der Ausstellung »Weltflucht und Moderne. Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900« (noch bis 15. Januar) und eines jener Bilder, die an Gustav Klimt erinnern. Beide Maler bzw. ihre Werke begegneten sich nach 1900 mehrfach, wie Dr. Andreas Dehmer, Kurator der Ausstellung, erläuterte. So gab es Verbindungen, waren ihre Werke in Venedig zu sehen, Klimts Bilder kamen auch nach Dresden. Im Fall seiner »Italienische Gartenlandschaft«, ebenfalls 1913 entstanden, lassen sich motivische Gemeinsamkeiten mit Zwintschers »Fruchtsegen« erkennen – ob sie einander Inspiration waren und wenn ja, in welche »Richtung«, läßt sich indes nicht mehr feststellen.

Piotr Kaczmarczyk, Friedrich-Wilhelm Junge, Dr. Andreas Dehmer und KS Andreas Scheibner bei der 294. Begegnung der Künste im Dresdner Albertinum, Photo: Freunde des Albertinums e. V., © Wolfgang Webersinke

Die Begegnungen mit dem Bild lagen diesmal zu einem Teil in der Familie, denn die Musik stammte von Rudolf Zwintscher, einem Bruder des Malers. KS Andreas Scheibner und sein Begleiter Piotr Kaczmarczyk boten insgesamt neun Lieder höchst unterschiedlicher Art und Entstehungszeit. Andreas Scheibner hatte sich außerdem mit einer Autobiographie des Komponisten und Pianisten befaßt – ein zwiespältiges, fragwürdiges Vergnügen. Das Resumée fiel überwiegend negativ aus, denn neben den Werken, die bis zum »schier unerträglichen Pathos« (Scheibner) reichten, fand sich in der Lebensbeschreibung doch manches Verwerfliche, wie die Abwertung und despektierliche Beschreibung seiner Brüder. Zwar sind solche Schlüsse absolut berechtigt und waren begründet, doch sollte man dann nicht lieber die Finger von den Stücken lassen? Immerhin: für Nachgeborene ist es leicht, später die Nase zu rümpfen, und das Pathos läßt sich durch den Vortrag doch beeinflussen. Die immer wieder spöttelnden Bemerkungen Andreas Scheibners nahmen dem musikalischen Teil nicht wenig die Zuwendung, wenn sie sie nicht verhinderten. Die Kenntnis des Lebenslaufs entkräftet nicht zuletzt manchen Vorwurf: daß der Komponist eines Kampfliedes später einen kommunistischen »Weckruf« schrieb, mag befremdlich scheinen, jedoch liegen dazwischen ein paar Jahrzehnte sowie eine Gesinnungsumkehr (Bekenntnis zum Kommunismus). Das war in den 1920er Jahren, lange nach Oskar Zwintschers Tod. Ein Kennenlernen der Musik, vielleicht auch bei kritischer(er) Auswahl, steht also noch aus. Immerhin ließ sich hier und da (»Abendgebet«, »Anders als sonst«) die Verwandtschaft oder zumindest die Zeit der Mahler- und Straussnachfolge erkennen.

Während sich die Lieder ganz verschiedenen Themen zuwandten, verblieb Friedrich-Wilhelm Junge sozusagen in den Gärten. Hermann Hesse (»Lindenblüte« und »Junitage«), Rainer Maria Rilke (»Blaue Hortensie«) und Hugo von Hofmannsthal (»Mein Garten«) erzählten in Prosa, Lyrik und Erinnerungen (oder verschlungen in allen dreien) von Duft, Schönheit im Überfluß, Jugend und Alter. Else Lasker-Schüler überbot sie noch ein wenig und betrachtete in »Die Bäume unter sich« botanische Familienbande – Peter Wohllebens »Das geheime Leben der Bäume« schien hier fast schon vorausgedacht. Charmant und altersweise schlüpfte Junge in die verschiedenen Rollen – und beließ sie bei den Autoren, ohne sich zuviel Vordergrund anzumaßen.

2. Oktober 2022, Wolfram Quellmalz

Die nächste Begegnung der Künste findet am 12. November statt. Hans Grundig trifft dann auf Stefan Heym und andere.

albertinum.skd.museum

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