Nicht nur silbern, auch Gold

Christoph Schoener beim Dresdner Orgelzyklus

Für Freunde der Orgelmusik oder solche, die auch hier den Norddeutschen Rundfunk hören, ist der Name Christoph Schoener wohlvertraut. Nicht nur als Organist, auch als Sachverständiger trat und tritt der Kirchenmusiker auf, der bis 2019 – 22 Jahre lang – Kantor und Organist an St. Michael in Hamburg war. In die Katholische Hofkirche Dresden (Kathedrale) brachte er nicht nur nord- und mitteldeutsche (oder sondermaßen »gefärbte«) Orgelklänge mit, sondern auch französische.

Christoph Schoener vor dem Spieltisch der Silbermann-Orgel in der Katholischen Hofkirche Dresden, Photo: © Domorganist Sebastian Freitag

Und so begann sein Konzert am Mittwochabend mit dem zauberhaften Offertoire aus der Messe a l’usage des paroisses von François Couperin. Das für den Gebrauch im Gottesdienst der Pfarreien gedachte Stück ist nur dem Vernehmen nach schlicht (wenn man Pfarreien und liturgische Orgelmusik ohne einen besonderen oder festlichen Anlaß einmal »schlicht« nehmen will). Denn ganz anders als vielleicht vermutet darf der Organist hier durchaus festlich und virtuos aufspielen, im wahrsten Sinn des Wortes die Register ziehen – vielleicht nicht alle auf einmal. Bestünde das Offertoire aus mehreren Sätzen, man hätte es gut und gerne Orgelsuite nennen dürfen! Christoph Schoener ließ es farbenreich aus vielen (beständig wechselnden) Registern leuchten – das Registrieren selbst ist mitunter auch ein virtuoser Akt. Doch vor allem gerieten Couperins Motive in den gefundenen Variationen und Modulationen zur hellen Freude.

Ganz anders, nicht »hell«, sondern »dunkel« im musikalischen Sinn, setzte Johann Sebastian Bachs Aria variata alla maniera italiana (BWV 989) an, klang gedämpft und schien mit der Abenddämmerung Übereinstimmung zu finden. Doch mit Flötenregistern und anderen Bläsern lockte Christoph Schoener bald frohgemutere Töne heraus, wobei die Flöte – süß und traulich – besonders anmutig klang. Daß man dabei im Hintergrund ein wenig die Mechanik der Orgel hören durfte, gehört eigentlich dazu.

Mit Bachs Toccata, Adagio et Fuga in C (BWV 564) ging es auf einen der wohlbekanntesten Gipfel der Orgelliteratur. Zu Beginn schien das Stück die Goldverzierung des Orgelgehäuses noch mehr zum Strahlen anzuregen, das Adagio, das an Bachs schönste Kantatenarien gereicht, wurde zu einem kantablen Höhepunkt. In den Gegensatz von Oberstimmen und Pedal der Fuge mischten sich dann schon große Kontrastunterschiede.

Nicht die Kontraste, aber etwas grelle Obertöne traten bei Olivier Messiaens Le Verbe noch etwas deutlicher hervor – daran mußte man sich zunächst gewöhnen. Nun waren nicht mehr Motive, Fugensatz oder Modulation entscheidend, sondern eine quasi geometrische Form – Messiaens Strahlen konnte man sich beim Hören auch gut bildlich vorstellen. Von der überhöhten Position steigt das Stück schließlich (tonal) wieder nach unten, dennoch blieb es beim Eindruck eines etwas überreizten, überscharfen Klangbildes (oder zu groß / zu geschwind für die Silbermann-Orgel).

Franz Liszts Variationen über »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen und das Crucifixus aus der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach nahm darauf die Hörer mit auf eine emotionale Reise – in der Tat kann man, auch ohne einen Anlaß zu kennen, Emphase oder Empfindung darin erkennen, was – in Augenblicken der Trauer keine Seltenheit – auch den Zorn einschließt. Allen Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen zum Trotz, die der Komponist auchpersönlich empfunden hat, offenbart sein Werk – so dargeboten wie von Christoph Schoener – eine Fülle vitaler, virtuoser Orgelkunst. Beides (oder alles), Trauer und musikalischer Reichtum, münden in einen Choral, mit dem Christoph Schoener, allein- und allgemeingültig, das Konzert ausklingen ließ.

6. Oktober 2022, Wolfram Quellmalz

MDG-Booklet_9492269-6_Schoener_Stralsund_Mozart_2022_K1.indd

CD-Tip: Die neueste Einspielung von Christoph Schoener enthält Orgelwerke Wolfgang Amadé Mozarts, eingespielt an der Wegscheider-Orgel von St. Jacobi Stralsund, gerade erschienen bei MDG

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s