Britannien und Abschied

Orgelkonzert von Ansgar Schlei in der Kreuzkirche stand im Zeichen von Samuel Kummer

Ein Programmtitel »Very British« verspricht durchaus ein ein wenig anderes Orgelkonzert. Schon deshalb, weil sich die Instrumente auf der Insel in der Bauform und manchen für den Klang wesentlichen Eckdaten wie dem Winddruck von unseren unterscheiden. Andererseits hat es schon immer Komponisten und Organisten gegeben, die Insel und Kontinent verbanden, man denke allein an Georg Friedrich Händel oder Felix Mendelssohn. In der Vergangenheit zumindest hatten »britische« Programme im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ stets für besondere Akzente gesorgt, Repertoirebereicherungen von Purcell und Byrd bis zu zeitgenössischen Stücken wie James MacMillans »Gaudeamus in loci pace« präsentiert. Am Mittwochabend in der Kreuzkirche durfte man also auf die Souvenirs von Domorganist Ansgar Schlei (Wesel) gespannt sein. Viel Aufmerksamkeit hatte er, wie Ansgar Schlei im Vorgespräch verriet, der Registrierung gewidmet, denn der etwas andere Orgelklang in Großbritannien sorgt für einen fülligen, reichen, jedoch nicht dominanten Ton, der gar nicht so einfach nachzustellen ist. Ob es ihm gelungen war?

Kreuzorganist Holger Gehring und der damalige Frauenkirchenorganist Samuel Kummer vor dem Spieltisch der Silbermann-Orgel in der Hofkirche, Photo von 2015 aus der damaligen Programmbroschüre des Dresdner Orgelzyklus‘, Photo: DresdnerKreuzkirche, © Sylvio Dittrich

Doch bevor diese Frage beantwortet werden konnte, hatten Kreuzorganist Holger Gehring und Domorganist Sebastian Freitag als derzeitige Verantwortliche der Reihe sowie der ehemalige Domorganist Thomas Lennartz dem Publikum die traurige Nachricht zu übermitteln, daß ihr Freund und Kollege Samuel Kummer am Abend des Vortages plötzlich verstorben war – eine Nachricht, die nicht nur jene, welche die wenige Stunden alte Meldung noch nicht vernommen hatten, fassungslos aufnehmen mußten! Samuel Kummer gehörte nicht nur wegen seiner Improvisationskunst zu den höchst geschätzten Organisten, sondern hatte als Initiator auch Orgelreihen in Dresden wie jenen Zyklus, zu dem das Abendkonzert zählte, ins Leben gerufen. In der Kreuzkirche hatte er 2022 in einem Benefiz-Konzert für die Ukraine mitgewirkt sowie im Rahmen des Orgelsommers gespielt. Vor knapp einem Jahr trat er letztmalig im Rahmen des Orgelzyklus‘ auf. In der Hofkirche verband er damals unbeschwert und gekonnt drei Generationen: neben Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach waren Werke von Johann Sebastians Schüler Johann Christian Kittel sowie seines Enkelschülers Christian Heinrich Rinck zu hören. Eine sehr freie Improvisation hatte sein Programm ergänzt [unser Bericht von damals: https://neuemusikalischeblaetter.com/2023/05/11/auf-den-flugeln-der-orgelmusik/].

Die drei Organisten verwiesen auf die »tragisch Lücke«, die Samuel Kummers Tod menschlich wie musikalisch bedeute, und gedachten mit dem Publikum still sowie mit dem Text »wie lieblich sind deine Wohnungen« (Psalm 84, unter anderem in Johannes Brahms‘ Requiem) ihres Kollegen. Um dies mit Musik zu unterstreichen und einen Übergang zu schaffen, hatte Ansgar Schlei »I Vow to Thee, My Country« (Holst / Howell) vor das eigentliche Programm eingefügt.

Danach in den normalen Konzertablauf zurückzukehren, fiel schwer. Dabei konnte man zunächst feststellen oder erinnert werden, daß hier ein Original und keine Bearbeitung erklang, denn Jeremiah Clarkes Trumpet Voluntary kennen wir in der Regel mit einer Trompete, die von der Orgel begleitet wird, jedoch ist gerade das die Adaption, denn Trumpet Voluntarys sind Stücke für Tasteninstrumente, die jedoch mit den Trompetenregistern »spielen«, um deren Charakter zu erzeugen.

Domorganist Ansgar Schlei vor der Domorgel von Marcussen & Søn (2001 erbaut), die im Chorraum des Willibrordi-Doms aufgebaut ist, Photo: Ansgar Schlei

Spielerisch, leicht und teilweise regelrecht vergnügt klangen auch weitere Titel – trotz systematisch strenger Satzbezeichnungen wie der mehrfach wiederkehrenden Toccata. Christopher Tamblings Suite for Organ enthielt sie ebenso wie William Ralph Driffills Suite in f-Moll. Am nachfühlbarsten wurde die Frage der Registrierung und der »weichen, runden, fülligen«, jedoch nicht dominierenden englischen Register in Ralph Vaughan Williams‘ »Rhosymedre«. Ein schimmerndes Kleinod, das schon so beeindruckt hätte, an diesem besonderen Abend wegen seiner darin enthaltenen Ruhe aber vielleicht den tiefsten Eindruck hinterließ.

Nachdem Christopher Tambling unter anderem mit weiteren Trompetenklängen (Trumpet Variations) und einem hervorgehobenen Elgar-Zitat für Abwechslung gesorgt hatte, zeigte Charles Villiers Stanford, ein Jubilar dieses Jahres (1924 verstorben) mit dem Intermezzo on an Irish Air eine andere Leichtigkeit. Auf die in »Rhosymedre« eingegangene walisische Hymne schloß sich damit ein weiteres Stück Insellandschaft »Very British«.

25. April 2024, Wolfram Quellmalz

Im nächsten Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘ spielt Stefan Kordes in der Frauenkirche (1. Mai), danach kommen Judith Bothe in die Hofkirche (8. Mai), Domorganist Sebastian Freitag ist nächster Gast in der Kreuzkirche (15. Mai)

Spendenaufruf für die Kirche Großröhrsdorf und aktuelle Informationen:

https://www.kirche-grossroehrsdorf.de

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