Ein bißchen Zirkus und große Sinfonik

Berliner Philharmoniker feiern mit einer (weiteren) Uraufführung ihren Residenzkomponisten und Anton Bruckner

An diesem Wochenende fand die Residenz von Jörg Widmann bei den Berliner Philharmonikern ihren Abschluß. Auch wenn der Titel Composer in Residenz ausdrücklich auf den Komponisten hindeutet, ist Jörg Widmann natürlich außerdem ein Interpret, wobei er im Verlauf der Spielzeit als Dirigent ebenso wie als Klarinettist zu erleben war. Schon die Anzahl der Konzerte läßt manch anderen Veranstalter blaß aussehen: an sechs Abenden stellte sich Jörg Widmann vor, mit dabei waren außer ihm und den Berliner Philharmonikern Bratschist Antoine Tamestit, Pianist Denis Kozhukhin und Schwester Carolin mit der Violine. Mit einer Uraufführung am Donnerstag trat noch Stefan Dohr, Solohornist des Orchesters, in diesen Kreis. Das Konzert für Horn und Orchester, ein Auftragswerk, war im Rahmen einer fruchtbaren Zusammenarbeit entstanden. An die zehn Mal hätten sich Komponist und Interpret jeweils mit Skizzenmaterial getroffen, erzählte Jörg Widmann im Vorgespräch, er habe das gesamte Zusammenwirken mit den Berliner Philharmonikern als »schönstmögliche Zusammenarbeit« empfunden.

Sein Konzertstück greift zahlreiche Zitate auf, legt mit »Vorahnungen« aber auch falsche Fährten. Widmann ging es vor allem um eine Reise in entlegenste Zonen entlang chromatischer Linien. Mit Satzbezeichnungen wie »Traumbild«, »Zwischenwelt« oder »Vorahnung« löst er geradezu einen Imaginations- und Assotiationssturm aus, schon bevor das Werk überhaupt beginnt.

Uraufführung mit Stefan Dohr (Horn), Sir Simon Rattle (Dririgent) und Berliner Philharmonikern, Photo: Berliner Philharmoniker, © Lena Laine

Als es soweit war, erinnerte es an manche andere Komposition von Jörg Widmann, wie sein Quintett für Bläser und Klavier – auch dort gibt es einen »verwunschenen Garten«, einen »verlorenen Walzer« oder – schon wieder! – eine »falsche Fährte«. Widmann liebt das Spiel mit solchen Elementen, mit Übergängen, die Teils an den Wandel in Laubengängen (oder die Promenaden der »Bilder einer Ausstellung«) erinnern. Und wie so oft arbeitet der Komponist mit humoristischen Elemente – wenn Bläser zum Beispiel mit der flachen Hand auf das offene Rohr ihres Instruments schlagen und so einen Hall-Tob erzeugen. Jörg Widmann nutzt dies jedoch nicht allein »zum Spaß«, sondern um eine Interaktion auszulösen.

Die war im Freitagskonzert gegeben. Stefan Dohr mußte sich seinem Orchester zunächst von draußen kommend nähern und hatte auf dem Podium viele virtuose »Pirouetten« zu schlagen. Immer wieder gelang gerade zwischen ihm und der verbliebenen Horngruppe ein schöner Austausch. Anfangs stark rhapsodisch, erinnerte das Konzert sogar an Brahms, später hatte Jörg Widmann zahlreiche Zitate oder »Verwirrungen« eingeflochten. So uferte das Konzert immer mehr aus, band nicht nur Weber ein, sondern Mahler, Strauss (Alpensinfonie) und den Kuckuck. In vielen der von Sir Simon Rattle auch fließend gestalteten Übergänge und vor allem den gewitzten Kadenzen gab es immer wieder Relativierungsmomente.

Und doch schien die »Bandbreit« ein wenig überbreit wie die Überlänge eines arg gedehnten Filmes. Immerhin vierzig Minuten dauert das Konzert (erstaunlich, daß es Stefan Dohr nicht atemlos zurückließ), schließt aber noch Hollywoodsound und Varietémusik ein. Etwas albern wirkte manches denn doch, auch wenn das Publikum seinen Spaß hatte und begeistert applaudierte. Wie immer in solchen Fällen gilt: man gönne dem Werk eine Rezeptionsgeschichte und freue sich auf die Zweitaufführung. Die Chancen dafür stehen nach diesem Anfang nicht schlecht.

Was war nun der »Hauptakt« bei diesem Konzert? Die Uraufführung und der letzte Auftritt von Jörg Widmann, oder doch Anton Bruckner? Oder Simon Rattle? Schließlich war der ehemalige Chefdirigent für das Konzert als Gast zurückgekehrt.

Spannungsreicher Bruckner: Sir Simon Rattle (Dririgent) und die Berliner Philharmoniker, Photo: Berliner Philharmoniker, © Lena Laine

Mit den Berliner Philharmonikern entfachte er die Magie der sechsten Sinfonie. Anders als vor der Pause, als das Mäandern, Suchen und Ergründen dazugehörte, kennt man hier nahezu jeden Takt, auch entwickelte die Sinfonie unter Simon Rattles Leitung eine unmittelbare Präsenz. Phantastisch, wie nach und zwischen die aufsteigenden Motive weiche Übergänge eingeflochten waren. Nicht auratisch oder hart, sondern als spannungsreiches Panorama stellte sich der erste Satz dar, nicht zuletzt, weil Rattle zwischen Kanten, Klüften und schroffen Vorsprüngen subtile Verbindungslinien zu ziehen wußte. Wie gegossen floß der Maestoso dahin, während mit dem Adagio die Auffächerung der Klänge und Motive begann. Die Flöten führten jenes absteigende, aber so frohe Motiv ein, das tutti schließlich das Finale krönen durfte, im Scherzo, wo noch einmal die Horngruppe im Trio hervortrat, wurde der Bogen deutlich, den Bruckner sogar rhythmisch zum ersten Satz zurückschlug. Vitale Frische und majestätische Ruhe wechselten binnen kürzester Zeit, um hernach im letzten Satz sorgsam einen trotzdem kompakten Korpus zu erschaffen.

Übrigens: in der kommenden Spielzeit wird Wolfgang Rihm die Komponistenresidenz der Berliner ausfüllen. Der Lehrer folgt diesmal also dem Schüler.

1. Juni 2024, Wolfram Quellmalz

Buchtip: Friedrich Buchmayr »Mensch Bruckner! Der Komponist und die Frauen«, mit einer Ouvertüre von Hans-Joachim Hinrichsen, 336 Seiten, fester Einband, Schutzumschlag, 28,00 Euro, erschienen bei Müry Salzmann

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