Purcells »Dido and Aeneas« am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin
Die tragische Liebesgeschichte von Dido und Aeneas wurde durch Vergil zum Epos geformt, allein an die 90 (!) Opernadaptionen gibt es davon, von Hector Berlioz (»Les Troyens«) bis zu Johann Adolph Hasse (»Didone abbandonata«, »Die verlassene Dido«, 1742 auf Schloß Hubertusburg uraufgeführt). Eine der berührendsten Fassungen stammt von Henry Purcell. Seine Semi-Opera, die Gesang und Ballett verbindet, feierte im März Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater.
Interessant ist, daß in modernen Produktionen das Ballett dem Gesang nicht untergeordnet wird. Nachvollziehbar – die Tänzer stellen schließlich wesentliche szenische und vor allem emotionale Bilder dar, die über perspektivische und assoziative Aspekte hinaus Handlungsbestandteile sind. Daher führen Choreographen nicht nur Co-Regie, sondern sind gleichberechtigte Partner oder gestalten gar allein. Sasha Waltz zum Beispiel zeichnet für die Fassung an der Berliner Lindenoper verantwortlich. In Schwerin tragen die Regisseurin Reyna Bruns und Ballettdirektor Jonathan dos Santos gemeinsam die Verantwortung.

Beide überhöhen nicht die (unerfüllte) Liebe von Dido und Aeneas, sondern heben deren Tragik hervor: Dido mußte ihre Heimat Tyros verlassen, nachdem ihr Bruder ihren Gatten ermordet hat. Aeneas, der Held des Trojanischen Krieges, verlor auf der Flucht Vater und Gattin. Als es ihn an die Gestade Karthagos verschlägt, trifft er auf Dido, die sich in ihn verliebt. Zwar erwidert Aeneas zunächst diese Liebe, beugt sich aber schließlich dem Gebot der Götter – sein Auftrag ist, weiterzureisen, um Rom zu gründen.
Die Inszenierung von Reyna Bruns und Jonathan dos Santos geht von der Voraussetzung aus, daß Dido und Aeneas Traumatisierte sind. Das klingt zunächst, als könnte es ein anstrengender Abend (oder Nachmittag) werden, der dem Publikum eine andere Sichtweise auf eine bekannte Geschichte aufdrängt, aber genau das passiert in Schwerin nicht. Vielmehr wird »Dido and Aeneas« mitreißend erzählt, wobei eben wesentliche Teile der Erzählung auf die tänzerische Darstellung fallen. Krasse Bilder gibt es dennoch, aber ohne provokativen Schockmoment. Das knappe Werk (Purcells Semi-Opera ist nur gut eine Stunde lang) profitiert vor allem von der dichten Verwebung von Chor, Ballett und Solisten, wobei die Übergänge manchmal fließend sind – das Ballett muß nicht immer stumm bleiben, Chorsänger (Opernchor des Mecklenburgischen Staatstheaters) sind an Soli beteiligt.

Damit der Ansatz, auf die Traumatisierung zu lenken, verständlich wird, ist Purcells Stück ein Prolog mit Minimal music von John Adams vorangestellt, während die Darsteller von Dido (Gala El Hadidi) und Aeneas (Brian Davis) in den Proszeniumslogen aus Vergils Aeneis lesen. Das Ballett agiert dazu vor einer Mauer (Bühne und Kostüme: Malte Lübben), die später zerstört wird, die Steine dienen fortan als bewegliche Kulissenelemente. Ebenso beweglich sind die Projektionen (Video: Wieland Yutani), die immer wieder ein- und überblenden: Schatten, Masken, Wald … Manchmal eine Gruppe, aus der sich einzelne Personen lösen, so daß die Illusion entsteht, reale Bühnenfigur und Projektion seien eins.

Auch unter den Akteuren gibt es solche Überschneidungen, denn die Hauptrollen werden durch Tänzersolisten gedoubelt. Am letzten Sonntagnachmittag begeistere vor allem Eliza Kalcheva als Dido mit ihrem ausdrucksstarken Tanz, während Anna Cavaliero (Gesang) und Ahyoung Jo (Tanz) Didos Freundin Belinda spiegelten. Aeneas wurde tänzerisch von Matteo Andrioli dargestellt, wobei diese Anteile in der Rolle gegenüber dem Gesang überwogen (Matteo Andrioli blieb oft darstellerisch auf der Bühne, während Aeneas keinen Text hatte). Daß die Paarungen nicht alle deckungsgleich waren, was man sich natürlich wünscht bzw. anstrebt, mag der (Mehrfach)besetzung geschuldet gewesen sein oder den gegebenen Möglichkeiten. Im Grunde fiel es jedoch kaum ins Gewicht, denn dem Mecklenburgischen Staatstheater ist es gelungen, ein Ensemble zu formen, das solche vermeintlichen Lücken ausgleicht. Insofern überwog gar nicht die Kurzweil, die im Erzählstil und den drei Akten begründet liegt, sondern die Empathie, die vermittelt wurde.

Chordirektor Aki Schmitt sorgte am Pult der um alte Instrumente (wie Cembalo) erweiterten Mecklenburgischen Staatskapelle für aufflammende Farben oder tiefe Beruhigung. Gala El Hadidis Sopran war an sich nicht so schlank, wie man sich Dido vielleicht vorstellt, diese emotionale Schwere reicherte sie noch mit Vibrato an, was etwas füllig klang. Didos Klagegesang schien um so dramatischer. Didos Freundin Belinda erfuhr mit Anna Cavaliero eine mädchenhaftere, eher lyrische Auffrischung, die vom Publikum mit reichlich Applaus bedacht wurde. Brian Davis‘ kerniger Bariton verschmolz als Aeneas mit den tänzerischen Darstellungen von Matteo Andrioli – die Stimmauswahl bewies insgesamt Individualität, statt einem Besetzungsideal nachzueifern, und nicht zuletzt Humor, wie er auch zu Purcells Zeiten goutiert worden sein dürfte: Für Sebastian Köppl als Zauberin mit Cornelia Zink und Martha-Luise Urbanek (Erste und Zweite Hexe) blieb Raum für ein humorvolles szenisches Zwischenspiel.
28. April 2025, Wolfram Quellmalz
In der kommenden Spielzeit muß das MSS ins Theaterzelt ausweichen, für die Zeit danach ist eine Wiederaufnahme geplant: Henry Purcell »Dido and Aeneas«, Mecklenburgisches Staatstheater.