Klangvoll in Richtung Jahresende

dresdner motettenchor in der Kreuzvesper

Für den Vorabend des vorletzten Sonntages im Kirchenjahr hatte sich Matthias Jung ein Programm über die Jahrhunderte ersonnen, das bis ins 17. Jahrhundert, nach England und Estland reichte, aber auch unsere Zeit und das Haus der Dresdner Kreuzkirche berührte.

Gottfried August Homilius war im 18. Jahrhundert Kreuzkantor und ist seit einigen Jahren immer wieder in den Vesperprogrammen zu erleben. Sein knappes Invoca me erweckte im Vergleich einen viel moderneren Eindruck, als man den Lebensdaten des Komponisten nach vielleicht erwartet haben würde, zudem präsentierte sich der dresdner motettenchor wieder einmal ungemein stark und schien weit im Klang.

Von links: Gottfried August Homilius (Stich von Christian Ludwig Seehas, 1782), Cyrillus Kreek (1910) und Arvo und Nora Pärt, Bildquellen: Wikimedia commons

Zwei Psalmvertonungen von Cyrillus Kreek sorgten für thematisch benachbarte, im Eindruck jedoch unterschiedliche Beiträge: »Kiida, mu hing, Issandat« (Lobe den Herrn, meine Seele) barg nordische Weite und schwebenden Klang, der im Verlauf dichter und kraftvoll bis zum »Amen« wuchs. »Issand, ma hüüan Su poole« (Herr, ich rufe zu die«, ebenfalls aus der Sammlung 4 Taaveti laulu von 1923) hatte eine deutlich rufendere Gestalt auch in den Stimmen. Besondere Wirkung erzielten die Soprane mit ihren Betonungen und bewußt über den anderen Stimmen liegenden Zeilen.

KMD i. R. Thomas Meyer hatte bereits zum Anfang der Vesper thematisch mit einer Fuge den Einzug bereitet. Nun schöpfte er aus dem großartigen Œuvre Georg Muffats und präsentierte perlende Orgelklänge. Die Toccata nona war um viele Register von Holzbläsern bereichert, während die Toccata decima (beide aus dem Apparatus musico-organisticus) mit vollem Spiel und einer filigranen Stimmführung im Mittelteil beeindruckte.

Der dresdner motettenchor wanderte indes weiter, zunächst mit zwei Titeln von Arvo Pärt, um dessen 90. Geburtstag in diesem Jahr noch einmal zu würdigen: Da pacem Domine wog jeden Ton und jede Silbe auf, während »Drei Hirtenkinder von Fátima« mit einem Wellenrhythmus eine besondere Belebung erfuhr.

Die vielleicht schönste Wirkung erzielten zwei ältere Stücke: Johann Michael Bachs »Halt, was du hast«, nun mit Begleitung der Continuo-Orgel, war mit seinem geteilten Chor für Strophentext und Choral eine Bereicherung, nicht nur, wenn man es mit der Motette »Jesu, meine Freude« (BWV 227) des Großneffen Johann Sebastian verglich. Die weitverzweigte Bach-Familie hat ein reiches Werk hinterlassen, das man nicht auf einen reduzieren darf und welches sich gerade über den Gesang immer wieder beglückend erfahren läßt, so wie hier!

Henry Purcells »Funeral music of Queen Mary« (in Auszügen) stand dem kaum nach. Es erzielte seine Wirkung nicht durch die Verflechtungen von Choralzeilen, sondern durch Betonung und Gewicht einzelner Worte, und sei es »My Lord« als hingebungsvolle Anrede.

Von links: Henry Prucell, Pēteris Vasks sowie Heinrich Schütz (Portrait von Christoph Spätner, ca. 1660), Bildquellen: Wikimedia commons

Nach dem Wort zum Sonntag (Pfarrer i. R. Dr. Michael Führer) und dem Gemeindelied (EG 149 »Es ist gewißlich an der Zeit«) beeindruckte aber auch Pēteris Vasks Pater noster anstelle der gesprochenen Formel nicht wenig. Mit »Herr, nun lässest du deinen Diener« (SWV 433) von Heinrich Schütz wurde die Kreuzkirche noch einmal vom überraschend großen Chorklang des dresdner motettenchores ausgefüllt.

16. November 2025, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend gestalten das Ensemble VokalChoral und Markus Steven die Kreuzvesper mit Werken von Johann Hermann Schein, Melchior Franck, Heinrich Schütz und anderen.

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