Blick in die Zukunft gerichtet

VICA Ensemble starte mit Werken zwischen Weihnachten und Frühling ins neue Jahr

»Ich steh‘ hier und singe« heißt es in Johann Sebastian Bachs Motette »Jesu meine Freude« (BWV 227) in jener Strophe, in der den alten Drachen, des Todes Rachen, der Furcht und dem Toben getrotzt wird – durch Singen. Das VICA Ensemble nahm die Zeile für sein Konzert zum Jahresbeginn am Sonnabend in der Dreikönigskirche als Titel und Bachs Motette als Mittelstück und musikalischen Schwerpunkt ins Programm. Anders als in den Neujahrskonzerten von VICA bisher war dieses nicht einem eindeutigen Festtagskreis oder einer Jahreszeit untergeordnet, sondern ließ den Blick weit ins Jahr schweifen.

Neu war, daß sich Ensemblegründer Richard Stier, der das Konzert am Sonntag in Zwickau dirigierte, mit Lukas Baumann (Dreikönigskirche) abwechselte. Johann Sebastian Bachs Motette war von einem kleinen Continuo begleitet, das übrige Programm erklang a cappella. Obwohl das VICA Ensemble an sich vielseitig ist und weit durch die Zeiten zwischen Renaissance und unseren Tagen schweift, zeigte es sich diesmal nicht nur im Kern romantisch.

Neujahrskarte von Erik Mailick im Stil des Japonismus (1911), Bildquelle: Museen der Stadt Nürnberg blog

Das war ganz selbstverständlich in den ersten beiden Werken, Max Regers »Neujahrslied« und Max Bruchs »Gebet«, in denen Lukas Baumann den geschlossenen Eindruck eines großen Chores erweckte und dynamische Verläufe wie die wachsende Zuversicht bei Reger (das Neujahrslied entspricht dem Text nach einem guten Vorsatz bzw. einer Lebensmaxime) sinnvoll herausstellte. Auch das »Gebet« begann verhaltener, fast zart, und gewann überzeugend an Kraft.

Bei Instrumentalensembles kennt man seit Jahrzehnten eine Diskussion um die »historische Aufführungspraxis«. Eigentlich läßt sich dies ebenso auf Chöre ausdehnen, wie Johann Hermann Scheins »Wie lieblich sind deine Wohnungen« zeigte, denn VICA katapultierte den Schütz-Zeitgenossen sozusagen zwei Jahrhunderte in die Zukunft. Der romantische Klang überraschte, bringt man ihn doch so gar nicht mit dem Komponisten in Zusammenhang. Auf der anderen Seite sei – im Sinne der historischen Aufführungspraxis – die Frage zulässig, wie wohl die Liedertafeln zur Zeit Robert Schumanns Schein gesungen haben mögen. Im Hinblick auf das Konzertprogramm betonte der stilistische freilich fragwürdige Kniff aber die Fokussierung auf die Romantik. Peter Tschaikowskis Legendenbild »When Jesus Christ was yet a child« (»Da Jesus einst noch als ein Kind«) fügte sich – trotz des zeitlichen »Sprungs« – praktisch bündig an.

Das Programm blickte nicht nur zurück (altes Jahr) und voraus, es verband zudem romantische Themen mit säkularen Texten. Gottfried August Homilius‘ »Unser Vater« hatte vor Tschaikowsky für einen konzentrierten, spannungsvollen Höhepunkt gesorgt. Und schien historisch informierter – die Stimmen zwischen ausgesprochen hohen Sopranen und tiefen Bässen fächerten weit auf, ohne einen romantischen Effekt des Verschmelzens zu benötigen.

Paul Garnier (Violoncello) und Anton Matthes (Continuo-Orgel) trennten die Konzertteile durch zwei instrumentale Einschübe aus Georg Philipp Telemanns Sonate TWV 41:D6 und begleiteten den Chor bei »Jesu meine Freude«. Der Eindruck der Geschlossenheit und Durchdringung war hier vielleicht am größten, galt es doch, über elf Strophen mit wiederkehrenden Themen, aber auch im Wechsel von Chor und Soli, die Spannung zu halten. Das gelang Lukas Baumann ausgesprochen gut, so daß die Soli (4. »Denn das Gesetz«) bruchlos an die vorhergehende Chorstrophe anschlossen. Auch einzeln hervorgehobene Worte (»Trotz«, »Gottes Macht«) blieben in den Kontext eingeschlossen. Keine effektvolle Übersteigerung also, daher konnten sich gerade getragene Passagen wie »So nun der Geist« angemessen entfalten. Der »Wink« des Schlusses, das leichte Aufwärts im Wort »Freude«, hatte – für den Jahresbeginn? – eine weisende Wirkung.

Noch einmal a cappella und romantisch schloß sich der dritte Teil des Programms mit Reger (»Ich hab‘ die Nacht geträumet«), Mendelssohn (»Andenken«) und Hindemith an. Während Mendelssohn noch einmal zurückblickte, schaute Paul Hindemith mit seinem »Printemps« bereits weit in den Frühling.

Mittlerweile hat das VICA Ensemble neben den etablierten Kammerchören seinen Platz gefunden und kann mit Qualität und Programmatik überzeugen. Johannes Brahms‘ »Waldesnacht« und Felix Mendelssohns »Neujahrslied« gehörten als zwei der bekanntesten Chorlieder noch zum Hauptprogramm, mit der Zugabe, Johannes Eccards »Mein schönste Zier und Kleinod bist«, gab es eine überraschende Repertoireerweiterung.

5. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

Die nächsten Konzerte des VICA Ensemble gibt es im Februar (unter anderem Dresden) und März (Bayreuth).

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