Auftakt trotz Absagen

Das zweite Weihnachtskonzert des Dresdner Bachchores fiel diesmal romantisch aus

Die ersten drei Kantaten aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium sind im Advent nahezu unverrückbar gesetzt. Das war dieses Mal beim Dresdner Bachchor nicht anders. Für den Abschluß des Weihnachtsfestes im Januar wählte Kantorin Elke Voigt am Sonntag aber nicht die übrigen drei Kantaten, sondern setzte auf ein romantisches Programm mit Camille Saint-Saëns und Felix Mendelssohn. Dabei hatten die Beteiligten allerdings – sofern das in dieser Jahreszeit nicht ebenfalls eine Gewohnheit ist – mit erkältungsbedingten Absagen zu kämpfen. Sopranistin Marie-Luise Werneburg wurde kurzfristig von Johanna Ihrig ersetzt, auch der Bachchor war betroffen. Glücklicherweise ist er ein großer Chor, so daß – mit ein paar Aushilfen – die Lücken zumindest nicht zu sehen waren.

Auch nicht zu hören. Dabei stellt Camille Saint-Saëns‘ Oratorio de Noël (Weihnachtsoratorium) nicht nur den Chor sicher vor besondere Herausforderungen, schon wegen des Textes im ungewohnten Französisch – Deutsch, Latein, Englisch oder Italienisch sind schließlich viel geläufiger.

Antonio da Correggio »Die Heilige Nacht« (Ölfarbe auf Pappelholz, 256,5 × 188 cm, zwischen 1522 und 1530), Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche KunstsammlungenDresden, Bildquelle: Wikimedia commons

Neben der Sprache ist schon die Orchestermusik bei Saint-Saëns anders als vieles, was man kennt. Statt konturierter Akzente oder ausgestellter Affekte wie im Barock umgibt sie fließend und wiegend den Gesang höchst romantisch. Dabei sind die Instrumente des Orchesters eng mit den Stimmen der Orgel verschlungen – Elke Voigt konnte auf die Künste von Domorganist Sebastian Freitag vertrauen, der an der Jehmlich-Orgel einen großen Klang bereitete, statt nur die Farbtupfen einer Truhenorgel einzufügen. Und auch im Orchester, wieder von der sinfonietta dresden gestellt (die ebenso mit Krankheitsfällen kämpfte), traten anders als bei Bach nicht Holzbläsersoli hervor, sondern woben Streicher und Harfe ein schmeichelndes Instrumentalgewand.

Das Erzählen ist bei Saint-Saëns nicht einem Evangelisten vorbehalten, sondern auf alle Stimmen verteilt. Dabei fallen schon die Rezitative ausgesprochen melodisch aus. Frank Blümel hat seinen Tenor bereits am Liedgut geschult und wußte sein Récit ausgesprochen schlank und verständlich vorzutragen. Annekathrin Laabs‘ Alt gehört ohnehin zu den wärmsten im Fach, während Johanna Ihrig keine Mühe zu haben schien, ihren Sopran für den Text der Engel (»Fürchtet Euch nicht«) auch engelhaft hell und leicht zu entfalten.

Der Komponist verlangt in seinem Oratorio de Noël übrigens gleich zwei Soprane – die Kantorin übernahm die zweite Rolle ebenfalls mühelos, dem Chor schien die kurze »Führungslosigkeit« des fehlenden Dirigats nichts anzuhaben.

Das romantisch Geschmeidige lag nicht allein in der Melodieführung, sondern oft in den Übergängen oder den Verwebungen der Stimmen, ob nun vokal oder instrumental. Insofern waren auch die Arien bis in den Chor sanft eingebunden (Air et chœur). So fand der Bachchor trotz des scheinbaren Fehlens markanter Stellen zum Beispiel gerade darin eine Profilierung, daß er den Choralteil ausgesprochen sanft vortrug.

Clemens Heidrich hatte sich als angeschlagen melden lassen, im Konzert war davon aber nichts zu spüren. Seinem Duett mit dem Sopran stand außerdem die Harfe gegenüber, die bei Camille Saint-Saëns öfter hervortreten darf. Vielleicht hat er sie besser verstanden? Viele Komponisten (wie Wagner) schätzten zwar ihren Klang und ihre Wirkung, nahmen aber wenig Rücksicht auf spieltechnische Herausforderungen wie die Pedalbedienung.

Insofern durfte Aline Khouri ihr Virtuosentum noch ein wenig mehr vorführen, denn zwischen den beiden Weihnachtsstücken hatte Elke Voigt Camille Saint-Saëns‘ Morceau de concert für Harfe und Orchester eingefügt.

Wem dies alles zu »rieselnd« gewesen war, der konnte seine (Weihnachts)freude im Anschluß mit Felix Mendelssohns Weihnachtskantate »Vom Himmel hoch« steigern. Die Reihenfolge war richtig – anders herum hätte das Konzert diese Wirkung nicht gehabt!

Nun durften auch die Bläser für zusätzliche Akzente sorgen. In manchem, wie den fallenden Tremoli zu Beginn, an Bach erinnernd, fiel Mendelssohn viel dramatischer aus, erreichte in der Baßarie gar eine Wagnerische Harmonik! Überhaupt fand Clemens Heidrich – scheinbar ohne Einschränkung – wieder einmal den Klang eines Himmelsboten mit gleich zwei wesentlichen Soli. Der Bachchor zeigte sich nicht nur sicher in Mendelssohns beflügelnder Musik, sondern konnte sich im Verlauf und gerade mit Blick auf die wesentlichen Choralpassagen steigern.

5. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

Nächste Konzerte des Dresdner Bachchores: GENESIS meets Gospel (19. März) sowie Johann Sebastian Bach, Markuspassion (3. April).

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