Vor 50 Jahren starb der Komponist Willy Kehrer
Der Name des Komponisten Willy Kehrer ist heute nur noch wenigen bekannt. Am 26. April 1902 wurde er in Dresden-Pieschen geboren, war mit zwölf Jahren bereits für sein veritables Klavierspiel bekannt und sparte – wohl vom Studium der Rienzi-Ouvertüre ausgelöst – bald jeden Pfennig für Partituren. Damit war nicht nur ein Weg vorgezeichnet, Willy Kehrer bekam oder holte sich bald praktische Tips von stilistischer Tragweite, wie durch eine Instrumentationslehre Hector Berlioz‘. Da ließen erste Kompositionsversuche nicht auf sich warten.
Die Eltern unterstützten den Eifer des jungen Komponisten und Pianisten, der bald Klavierunterricht bekam, aber auch das Orgelspiel erlernte. Das half ihm in späteren Jahren, als er für einige Zeit (1939 bis 41) Kantor an der Zionskirche Dresden wurde.

Zunächst jedoch bekam er »ernsthaften« Unterricht und wechselte zum Studium an die Musikhochschule. Zu seinen Kompositionlehrern zählte Josef Gustav Mraczek, der damals als Dirigent mit der Dresdner Philharmonie verbunden war, sich aber auch als Komponist bereits einen Namen gemacht hatte – die Oper »Ikdar« wurde 1921 in Dresden uraufgeführt.
Zu weiteren Lehrern gehörten Paul Juon, Adolf Hagen (Dirigieren) und Paul Büttner, bei dem Willy Kehrer Privatunterricht erhielt. Der junge Komponist und Pianist verfügte offenbar durchaus über Selbstbewußtsein: Zur Abschlußprüfung sollte er eigentlich ein Klavierkonzert von Johannes Brahms oder Edvard Grieg spielen, setzte jedoch sein eigenes, eben entstandenes Opus auf das Programm. Offenbar überzeugend, denn die Prüfungskommission belohnte ihn mit der höchsten Auszeichnung, dem Preiszeugnis.

Das musikalische Leben muß ein reichhaltiges gewesen sein, wenn auch nicht immer ein einträgliches. So stehen Auftritte als Pianist und Dirigent mit der Dresdner Philharmonie (unter anderem mit eigenen Werken) in seinem Lebenslauf, 1925 erhielt er einen Lehrauftrag. Doch war dies kein ausreichendes Auskommen. Willy Kehrer arbeitete daher als Korrepetitor, Liedbegleiter und Solist, spielte außerdem im Kabarett Café Altmarkt.
Der Umgang mit eigenen und fremden Noten war Willy Kehrer vertraut. So unterrichtete er selbst, arbeitete als Chorleiter und Pädagoge. In diesem Sinne überarbeitete und vervollständigte er eine Klaviertechniklehre des verstorbenen Musikschuldirektors Hans Schneider, die dessen Frau Käthy Schneider begonnenen hatte.
Seine eigenen Kompositionen kommentierte Willy Kehrer einmal wie folgt: »Da mir die Neutönerei nicht in den Streifen paßte – die Frechheit, mit der hier teilweise das wirklich Gute über den Haufen geworfen wurde, enttäuschte mich – wollte ich aber wenigstens vor mir selbst bestehen und durch die Tat beweisen, daß ich durchaus neue Musik schreiben konnte, wenn ich nur wollte.«
Das hatte ihm immerhin einen Vertrag mit dem Musikverlag Breitkopf & Härtel eingebracht, wo kleinere Werke erschienen. Vielleicht hätte damals auch schon ein größeres entstehen können – als Willy Kehrer 1941 zur Wehrmacht eingezogen wurde, war er gerade mit der Komposition der Oper »Eiko Shimotoga« beschäftigt.
Nach dem Krieg konnte Willy Kehrer bald an sein früheres Leben anschließen, auch wenn sich die Richtung etwas ändern sollte. Bereits 1935 hatte er ein Probespiel bei Gret Palucca absolviert, was ihm zunächst Vertretungsdienste ermöglichte. Mit der Wiedereinrichtung der Palucca Schule Dresden wurde diese Tätigkeit zu einem wesentlichen beruflichen Schwerpunkt – drei Jahrzehnte dauerte die Zusammenarbeit und künstlerische Freundschaft zwischen Kehrer und Palucca. In dieser Zeit verfeinerte Willy Kehrer sein aus Improvisationen abgeleitetes Komponieren. Ernst Krause schrieb damals in »Die Weltbühne«: »Willy Kehrer, ein wahrer Tausendsassa des rhythmisch pointierten und dabei melodisch fesselnden Improvisierens, riß vom Flügel aus die tanzende Jugend in einen Strudel der Lebensfreude hinein« (1953).

Es entstanden Ballette und Tanzspiele für die Paluccaschule, aber auch das Musizieren im kleinen Kreis, Auftritte als Pianist und Begleiter sowie das Unterrichten (auch für Laien) blieb erhalten. Im Laufe der Jahre erkannte Willy Kehrer in der Konzentration auf das wesentliche seinen Kompositionsansatz und in Oratorien eine Lebensaufgabe – elf sollten schließlich entstehen.
Heute vor fünfzig Jahren verstarb Willy Kehrer. Sein Œuvre harrt im wesentlichen aber noch der Aufarbeitung und Entdeckung. Vor vier Jahren wurde ein Nachlaß mit vielen Metern Noten, Tonbändern und privaten Aufzeichnungen sowie Dokumenten dem Stadtarchiv Dresden übergeben. Eine fast solitäre Quelle ist momentan die Internetpräsenz für Willy Kehrer, deren Fakten auch diesen Text gestützt haben. Außerdem finden sich dort Hörbeispiele aus Rundfunkaufnahmen, bei denen wir so bekannten Künstlern wie Peter Schreier (am Klavier begleitet vom Komponisten), Kurt Masur oder Peter Damm wiederbegegnen.
20. Februar 2026, Wolfram Quellmalz