Rheingold, das Bildermärchen

Markus Lüpertz inszeniert den Auftakt aus Wagners Ring-Tetralogie in Meinigen

Das ist doch einmal eine »Hausnummer«: da wagen sich manche große Opernhäuser nur zaghaft mit Neuproduktionen an Wagner, sagen gar angekündigte Inszenierungen ab, wie Katharina Wagners »Lohengrin« in Leipzig (2022), wo auch die für 2027 geplante Wiederaufnahme des »Rings« von Rosamund Gilmore gestrichen wurde, und dann kommt das im Verhältnis kleine Staatstheater Meiningen mit einem völlig neuen »Rheingold« daher (allerdings nur mit diesem, der übrige Dreiviertelring ist nicht geplant). Mit Showeffekt, denn Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme sind von Markus Lüpertz – wahrlich keine »Leipziger Schule« .

Alberich (Boaz Daniel) und die Rheintöchter (Monika Reinhard / Woglinde, Hannah Gries / Wellgunde, Julia Rutigliano / Floßhilde), Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Am Freitag kurz vor der Premiere gab sich der Künstler im Gespräch mit Intendant Jens Neundorff von Enzberg leutselig. Er sei kein Regisseur, sondern Maler und versuche, Bilder zum Singen zu bringen, sagte Markus Lüpertz mit Blick auf seine Inszenierung. Erfahrung hat er bereits gesammelt, und zwar in Meiningen: auf »La bohème« (2021) folgte drei Jahre später »Una cosa rara« (Dramma giocoso von Vicente Martín y Soler, nach einer nicht realisierten Vorarbeit aus Regensburg 2018).

Regietheater lehnt Markus Lüpertz ebenso ab wie eine Aufbereitung der Kultur zum »erfahrbaren Event«, die alles erkläre. Heute ginge es meist nur noch um Unterhaltung, das verblöde das Publikum, das nicht mehr in der Lage sei (oder in die Lage käme) selbst eine Meinung zu finden. Insofern möchte Lüpertz im Grunde gar keine Antworten geben, sondern diese das Publikum selbst finden lassen. Bei ihm gebe es auch keine technischen Extras wie Projektionen, selbst Nebel erscheine ihm verräterisch. Wagners Figuren möchte der Maler dagegen ernst nehmen. Daß man Wotan heute gern als »Lotterbuben« darstellt, mißfällt ihm – »Laßt doch die Götter, Götter sein« sagt der Künstler.

»Es gibt keine Götter mehr« sagt Markus Lüpertz und stellt sie mit geflügeltem Helm auf die Bühne: Donner (Mark Hightower), Wotan (David Steffens), Froh (Garrett Evers), Mime (Tobias Glagau), Loge (John Heuzenroeder), Fafner (Selcuk Hakan Tiraşoğlu) und Fasolt (Keith Klein), Freia (Lubov Karetnikova) und Fricka (Marianne Schechtel), Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Und dann entfalten sich auf der Bühne in der Tat vor allem Bilder. Die »Regie«, so sie überhaupt stattfindet, bleibt überraschend konventionell, nicht nur gemessen an anderen Produktionen oder dem Stand bzw. Zeitgeschmack des Opernbetriebs, sondern auch an dem, was mancher vielleicht an Bilderkraft erwartet hatte.

Trotzdem ist diese Bilderkraft gerade am Anfang groß, als die drei Rheintöchter (Monika Reinhard / Woglinde, Hannah Gries / Wellgunde, Julia Rutigliano / Floßhilde) mit ein paar Schiebekulissen verführerisch in den Rhein tauchen, Wasser- und Lichtreflexe nur so funkeln lassen. GMD Killian Farrell koordiniert diese Fluten nicht nur mit der Meininger Hofkapelle, er läßt im Orchester, dessen Besetzungsgröße doch eigentlich unter Wagners Ansprüchen liegt, die Emotionen brodeln, zeichnet konturscharfe Verläufe, steigert den Strom und fügt kantilene Bläser ein – sagenhaft, was sich hier an Klang entwickelt! Keine zehn Jahre hat der junge Ire gebraucht, um nach seinem Abschluß (mit Auszeichnung) über Positionen als Kapellmeister und Assistent zum GMD zu wachsen. In Meiningen erweist er sich als Zauberer mit Wotan‘scher Raffinesse! Mit vier Harfen im Proszenium, großartigen Hörnern und einer tragenden Cellogruppe muß sich die Hofkapelle nicht verstecken.

Donner (Mark Hightower), Mime (Tobias Glagau), Froh (Garrett Evers), Ensemble, Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Farrells Koordination bezieht die Sänger ein, zunächst Boaz Daniel, der als Alberich die größten Anteile hat. Die Frage nach dem »Stehvermögen« stellt sich aber gar nicht, denn Alberich spinnt, intrigiert, wütet und giftet lebendig, obwohl der Bildeffekt ringsum bald statisch wird und die Bühne manchmal aussieht, als habe man ein Bilderbuch offen liegenlassen – wenig verändert sich, einige »Ausklappelementen« ausgenommen. Abgesehen vom stimmungsvollen Bild des Anfangs agieren die Sänger meist vor einem Hintergrund aus eher kindlicher Malerei – Rheingold, das Märchen?

Irgendwie ist es das schon. Die Spannung, wenn die Riesen Fasolt (Keith Klein) und Fafner (Selcuk Hakan Tiraşoğlu) mit dem egoistisch kalkulierenden Wotan (David Steffens) um Gold und Freia (Lubov Karetnikova) streiten oder zwischen Alberich und seinem Bruder Mime (Tobias Glagau), erzeugen die Sänger und Killian Farrell, und zwar grandios! Immerhin: auf den Riesenwurm müssen die Besucher ebensowenig verzichten wie auf die Kröte, in die sich Fafner verwandeln soll – womit er gefangen wird. Merke: bei Wagner geht es im Grunde zu wie bei den Grimms. Nur daß Wotan nicht so witzig und charmant ist wie der Gestiefelte Kater

Bühnenprospekt mit »Selbstportrait« Lüpertz, Götterburg Walhall und dem Tod, Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Markus Lüpertz‘ Bilderwelt gleicht nicht nur Kinderzeichnungen, sie ist geradezu kindgerecht, was dem Stück im Zweieinhalbstundenformat Einsteigerqualität verleiht. Manches scheint dennoch simpel, die Statik mancher Szenen (es fehlt eben doch eine echte Regie) zum Beispiel oder die Ausstattung der Figuren (Donner mit einem Hammer, Froh im Pierrot-Kostüm), auch wenn das einen Charakter trifft. Allein »lustig« findet Markus Lüpertz das Stück wohl dennoch nicht: als alle einmal Theatermasken vors Gesicht halten, zeigen sie die Mine der Tragödie. Loge (John Heuzenroeder mit extra Monolog), Fricka (Marianne Schechtel) oder Erda (Tamta Tarielashvili) fallen in der Figurenzeichnung glücklicher aus und nutzen die teils kurzen Auftritte dramaturgisch wertvoll. Klassische Theaterkunst also, wenn auch ein bißchen (zu) konventionell.

28. März 2026, Wolfram Quellmalz

Wieder am 5. und 19. April sowie am 9. und 25. Mai: Richard Wagner »Das Rheingold«, Staatstheater Meiningen, nur noch Restkarten

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