Gautier Capuçon und Nikolaj Lugansky waren am frühen Morgen voller Schwung
Nach seinen Auftritten im zweiten Sinfonie- und im Silvesterkonzert versprach das Rezital von Capell-Virtuos Gautier Capuçon am Sonntagmorgen in der Semperoper eine besondere Gelegenheit, den Cellisten näher kennenzulernen. calude im sinfonischen Gegenüber wie bei Dvořák (Oktober) oder mit Encores wie am Jahresende, konzentrierte er sich mit Pianist Nikolaj Lugansky diesmal auf Sonaten für Violoncello und Klavier. Ein enggesteckter Zirkel voller Allegro-Sätze, der Form nach aus gerade zwei Komponistengenerationen und drei Ländern, aber die Unterschiede waren doch enorm, zumal Debussy, Brahms und Rachmaninow bereits unterschiedliche Anknüpfungspunkte für ihre Werke verfolgten.
Was alle verband, war die Leidenschaft, oder viele Leidenschaften, die vor allem Gautier Capuçon aufwallen ließ. Claude Debussys Violoncellosonate d-Moll, ein Solitär aus der unvollendeten Reihe von sechs Stücken für unterschiedliche Instrumente, hatte der Komponist nicht nur in Rückbesinnung auf französische Traditionen (konkret: Rameau) geschrieben, sondern damit einen Impuls gegen die etablierte deutsche Form setzen wollen. Und doch begann er mit einem Klavierakkord, den Nikolaj Lugansky nah bei Bach zu finden schien.

Im Duo stürmten die beiden Musiker mit Vehemenz nach vorn, mit einer Passion, die das Publikum mitriß, so daß es am Ende zwei Zugaben fordern sollte. Sie ließ das Streichinstrument indes oft vordergründig werden. Noch im Piano war Gautier Capuçon von der bebenden Leidenschaft und einem vibratoreichen Ton getrieben, da ging Debussys Intention auf den Barock ein wenig verloren. In der ersten der Zugaben, Rachmaninows Vocalise, bewies der Cellist später, daß er durchaus über einen zärtlichen Ton verfügt – Debussy oder Brahms hätte sich darüber gefreut.
Was nichts daran ändert, daß dieser Impuls nach der verkürzten Nacht wohl keinen unberührt ließ. Daß Nikolaj Lugansky sich bei einem seiner raren Besuche als Darsteller verfeinerter Nuancen erwies, sollte nicht nur nebenbei erwähnt werden – von ihm wünschte man sich einen ganzen Abend mit den Images und Préludes von Debussy!

Bei Johannes Brahms hatten sich die beiden Musiker für eine Änderung entschieden: statt der ursprünglich angekündigten ersten spielten sie die zweite Sonate (F-Dur, Opus 99). Darin dekliniert der Komponist die Form des Allegro in allen Variationen und an alle Grenzen. Die Leidenschaft blieb ebenso wie die Vehemenz erhalten, doch waren die beiden Stimmen hier noch enger umschlossen. Das mag am sinfonischen Denken des Komponisten gelegen haben, aber auch an dessen Leidenschaften, die sich in der Erregung vor allem des Cellos immer wieder durchsetzten. Trotzdem wußte Brahms innig und süß zu schmeicheln, wie im zweiten Satz, einer Annäherung ans Andante, dessen Gelassenheit sich aber harte Pizzicati des Cellos entgegenstellten – Nikolaj Luganskys Läufe schienen da glaubhafter. Im abschließenden Allegro molto fanden beide zum vorläufig zärtlichsten Moment.

Dabei standen die vielleicht größten Emotionen noch bevor. Für Sergej Rachmaninow fiel die Sonate für Violoncello und Klavier g-Moll Opus 19 nach Krisenzeiten in eine Phase befreiten, glücklichen Komponierens. Auch bei ihm schäumt das Temperament immer wieder im Allegro, selbst wenn es nach einem kurzen Lento zu Beginn erst aufgebaut wird. Gautier Capuçon und Nikolaj Lugansky ließen Rachmaninows Leidenschaft selbst bei mäßigem Tempo rauschen, fanden für Aufwallungen spürbare, differenzierte Anstiege. Im Scherzo-Satz zeigte sich trotzdem eine noch größere Spannweite im Streichinstrument, bevor das Andante einen liedhaft schönen Moment der Entspannung bereitete – das rauschende Finale nahm kurz noch einmal darauf bezug.
Mit Rachmaninows beruhigender Vocalise ließ sich das Publikum nicht abspeisen, so bekam es noch den »Tanz der Ritter« aus Sergej Prokofjews »Romeo und Julia« serviert.
29. März 2026, Wolfram Quellmalz
Gautier Capuçon ist im 10. Sinfoniekonzert (Mai) noch einmal bei der Sächsischen Staatskapelle zu erleben (erstes Cellokonzert von Camille Saint-Saëns).