Katherine Mansfield »In der Bucht«
Manchmal führen ganz unterschiedliche, scheinbar unabhängige Pfade auf einen gemeinsamen Weg. Oder zwischen Blättern und Seiten zeigt sich ein unvermutetes Flechtwerk – unter den Buchentdeckungen des vergangenen Jahres waren drei (am selben Tag gefunden) die ein gemeinsames Thema bargen, das vielleicht nicht im Kern dem Buch entsprach, sich aber als bestimmende Ader erwies: »Mutterschaft«. Die NMB fassen deshalb in einer kurzen Folge eine Trilogie der Mutterschaft zusammen, an das sich ein aus dem Thema fallendes Postludium anschließen wird. Teil eins wendet sich Katherine Mansfield zu.
In ihrem kurzen Leben hat die in Neuseeland geborene Autorin, die ihre Heimat 1903 zum ersten Mal verließ und ab 1908 dauerhaft in Europa lebte, die Form der Kurzgeschichten oder Short Stories zur Meisterschaft entwickelt. In kurzen Szenen und Bildern hält sie nicht nur Landschaften, Pensionsgäste und Familienportraits fest, sondern zeichnet die Kippmomente darin heraus und offenbart die großen Spannungen, die auf kleinem Raum, zwischen nahen Partnern oder in jemandes Herz aufbrechen können.
Ein halbes Dutzend Sammlungen von Short Stories von Katherine Mansfield sind erschienen, und es dürfte kaum eine geben, die noch nicht entdeckt und übersetzt worden ist. So liegen auch auf deutsch teils verschiedene Ausgaben und Übersetzungen vor. Die Herausgeberin Nicole Seifert hat »In der Bucht« neu übersetzt. Die Erzählung gehörte ursprünglich zur Sammlung »Die Garten-Party« und liegt nun in einer besonders hübschen Ausgabe des auf maritime und nautische Sujets spezialisierten mare-Verlages vor.
Leseprobe:
In diesem Augenblick hob eine enorme Welle Jonathan an, zog weiter und brach sich mit fröhlichem Lärm am Strand. Was für eine Schönheit! Und da kam schon die nächste. So musste man leben – unbekümmert, rücksichtslos, sich verausgabend.
Dabei spielt das Meer der kleinen Bucht, der tasmanischen Crescent Bay, eher eine kleine Rolle. Zwar baden Stanley und Jonathan gleichzeitig am frühen Morgen darin, aber keineswegs gemeinsam. Der eine wollte in Ruhe ein paar Züge schwimmen, bevor er zur Arbeit aufbricht, der andere stört ihn, obwohl er sein Freund ist, denn er ist schon da, fröhlich, besetzt das Meer und will sich unterhalten.
Oh, die Erleichterung, wie anders es sich anfühlte, wenn der Mann aus dem Haus war. Wie sich allein ihre Stimmen veränderten, wenn sie sich etwas zuriefen; warm und liebevoll klangen sie, als teilten sie ein Geheimnis. Beryl ging zum Tisch. »Trink doch noch eine Tasse Tee, Mutter. Er ist noch heiß.« Sie wollte gern irgendwie zelebrieren, dass sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Kein Mann würde sie stören; der ganze perfekte Tag gehörte ihnen.
Katherine Mansfield umreißt die Personen meist aus der Beobachtung – selten offenbaren sie sich wirklich, geben ihr innerstes Preis, so wie Linda, die ihr entzückendes Baby nicht interessiert. Es liegt neben ihr ins Gras gebettet, eine Szene, in der die Autorin zunächst ein Idyll beschreibt. Doch der jungen Mutter ist das Baby gleichgültig – soll sich doch ihre Mutter oder Beryl darum kümmern … Eine Mutter ohne Muttergefühle und ohne Bereitschaft für Mutterpflichten – das dürfte für das Lesepublikum von 1922 schockierend gewesen sein.
Neben ihr im Gras lag zwischen zwei Kissen der Junge. Schlafend lag er da, den Kopf von seiner Mutter abgewandt. Sein feines Haar wirkte eher wie ein Schatten als echtes Haar, aber sein Ohr leuchtete in einem tiefen Korallenrot.
Und doch bleibt »In der Bucht« ein geradezu elegantes Buch, das viel von Blumen erzählt, fast einer Blumenschau gleicht: Ringelblumen, Nelken, Fuchsien und Kapuzinerkresse, oder die Blüten der Manuka- und Pfirsichbäume nutzt Katherine Mansfield, um eine Atmosphäre der Sommerfrische zu zeichnen, mit Toitoi-Gras ausgefüllt und einem wenigstens fliederfarbenen Baumwollkleid. Die Katze Florrie und ein denkender Hund, eine Schafsherde – doch ein Idyll? Aber die kluge Beobachterin offenbart die kleinen Gesten menschlicher Abgründe und eine »typische« Familie: die Rollen sind fest besetzt und jeder hat ihnen zu entsprechen …
Zwei goldene Vierecke fielen auf die Nelken und die in voller Blüte stehenden Ringelblumen. Florrie, die Katze, kam auf die Veranda und setzte sich auf die oberste Stufe, die weißen Pfoten dicht beieinander, den Schwanz um sich herumgelegt. Sie wirkte zufrieden, als hätte sie den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet.
»Gott sei Dank, es ist endlich spät«, sagte Florrie, »Gott sei Dank ist der lange Tag vorbei.«

Wir haben nicht zum ersten Mal Katherine Mansfield gelesen. Bereits 2019 hatten wir eine alte Ausgabe des Manesse-Verlages (»Erzählungen und Tagebücher«, Heft 33, Seite 28) sowie das damals gerade erschienene »Fliegen, tanzen, wirbeln, beben: Vignetten eines Frauenlebens« (ebendort, bei uns online: https://neuemusikalischeblaetter.com/2019/06/12/poetischer-bilderbogen-tagebuch-selbstgespraech/) vorgestellt.