In der Passion

Sebastian Freitag spielte Hymnen und Choralbearbeitungen im Dresdner Orgelzyklus

Am Mittwoch gestaltete Domorganist Sebastian Freitag im zweiten Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘ den Auftakt der Reihe an seinem Haus, der Katholischen Hofkirche (Kathedrale). Zwar mit einem dezidiert auf die Passionszeit ausgerichteten Programm, aber wie immer war ein liturgischer Zusammenhang beim Hören nicht zwingend – wer mochte, konnte es einfach als Konzert wahrnehmen.

Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge c-Moll (BWV 537) schien der Passion mit dunklen, stark zurückgenommenen Farben nachzukommen. Über einem stehenden Baß und zunächst fallender Melodie war eine Klangfarbe vorgegeben, die in der Fuge trotz deren Aufwärtsbewegung wie mahnend fortgesetzt wurde. In ihrer majestätischen Größe hatte sie fast etwas Bedrückendes.

Mit Choralvorspiel und Fuge »Oh Traurigkeit, oh Herzeleid« (WoO 7) von Johannes Brahms gab es einen der deutlichen Wechsel, wie er noch mehrfach und teils überraschend die Übergänge des Programms prägten sollte. Auf Bachs erhabener Distance folgte mit dem Choral (zur Grablegung Jesu) große Innigkeit, deren Kantabilität Sebastian Freitag heraushob, so daß sich geradezu ein Licht-Effekt einstellte. Der durchdringende Baß schien dennoch zu mahnen – es war das vielleicht berührendste Stück des Abends. Brahms‘ von Herzen kommender Gesang war ebenso in der Choralbearbeitung »Herzliebster Jesu« (Opus 122, Nr. 2) zu spüren.

Bernhard Rode »Grablegung Christi« (Radierung, 1771), Bildquelle: Wikimedia commons

Nach den dunklen, einmal entfernten, einmal nahen Klängen, überraschte Präludium und Fuge c-Moll (Opus 37, Nr. 1) von Felix Mendelssohn insofern, daß man einen solch festlich strahlenden Charakter von ihm gar nicht erwartet hätte. Doch wie in manchen seiner Sinfonie oder Chorwerken wußte Mendelssohn gehörig eine Dramatik zu entfachen. Hier wurde zunächst ein brillanter Festglanz deutlich, bevor die Fuge im wiegenden Metrum beeindruckend und mächtig wuchs.

Das Licht wurde im Verlauf des Abends immer deutlicher, selbst wenn Sebastian Freitag natürlich noch keinen Osterbezug herstellte. So ist auch Samuel Scheidt Hymnus »Christe, qui lux es et dies« (»Christe, der du bist Tag und Licht«, SSWV 151) nicht Ostern, sondern der Vorosterzeit zugeordnet und soll, zur Nacht gesungen, vor dem Teufel und schlechten Träumen bei Nacht schützen. Auf Mendelssohns imposante Ausformungen der Romantik ließ Sebastian Freitag auf der Silbermann-Orgel nun den feinen Gesang der Renaissance, des frühen 17. Jahrhunderts folgen.

Der Zeitsprung war offensichtlich, doch hatte man nicht den Eindruck, eines der Werke würde besser (oder nicht) auf das Instrument passen. Scheidts Musik lebte vom Wandel und Wechsel, nicht nur in den fein ausgearbeiteten Variationen, sondern in Verschränkungen der Stimmen, die sich mit dem Baß kreuzten, parallel liefen oder einmal die Rolle des anderen übernahmen. Die knappe Viertelstunde offenbarte eine Vielfalt und Vielgestaltigkeit des Hymnus‘, der in verschiedenen Registern nicht nur Charaktere, sondern die Vielfalt der Polyphonie darstellte und eine Mächtigkeit ähnlich Bach entwickelte – großartig!

Samuel Scheidt (Kupferstich, 1624), Bildquelle: Wikimedia commons

Solche Darstellungskraft muß man erst einmal verarbeiten. Mit Gustav Adolf Merkel, der ab 1860 Kreuzorganist war und 1864 das Amt des Hoforganisten an der Katholische Hofkirche übernahm, gab es wieder einen »Sprung« in der Zeit, diesmal den größten, nach vorn und sogar über Mendelssohn hinaus. Merkels Sonate Nr. 3 c-Moll (Opus 80) steht für eine neue Form der Gattung und fügte sich quasi an den Auftakt von Matthias Grünert in der Vorwoche an [unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/01/romantischer-start/]. Galt der Betrachtungsmittelpunkt damals aber der Romantik, stand bei Sebastian Freitag eben der Beginn der Passionszeit im Fokus. So auch bei Gustav Adolf Merkel, dessen Präludium mit dem geschlossenen Eindruck eines Schimmerns begann, doch offenbarte sich bei ihm ebenso eine musikalisch öffnende Geste. Das Andante sostenuto wurde unter den Choral- und Hymnusbezügen des Abends einer der singendsten Sätze, bevor der schlicht Finale genannte dritte das zuvor entzündete Licht in einem hymnischen Allegro darstellte.

5. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

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