Collegium 1704 mit dem Programm »Stabat Mater« zum österlichen Triduum
Was macht man, wenn ein Konzert der Musikbrücke Prag – Dresden mit der Parsifal-Premiere in der Semperoper kollidiert? Man macht beides! Am Sonntag besuchten die NMB Richard Wagners Bühnenweihfestspiel [unser Bericht folgt nach der Ausgabe in der Tageszeitung am Donnerstag], gestern fuhren wir den Weg der Musikbrücke wieder einmal in der anderen Richtung und erlebten das Konzert »Stabat Mater« im Prager Rudolfinum.

Die vielfach vertonte Sequenz des Stabat Mater gehört zu den österlichen Tagen (auch Triduum Paschale) der Heiligen Woche, die mit dem Karfreitag beginnen und mit der Auferstehung am Ostersonntag enden. Václav Luks hatte aus der Fülle der Werke das Stabat Mater von Antonio Caldara ausgewählt, das den Abend krönen sollte.

Zunächst gab es aber ein Wiederhören mit dem Miserere c-Moll (ZWV 57) von Jan Dismas Zelenka, das mit seinem feurigen, belebenden Charakter zuletzt im November 2024 zum Programm gehört hatte. Das Stück hat einen enormen Wiedererkennungswert und kann sich mit manchen Lieblingen aus dem Œuvre Bachs messen – schön, es wieder zu erleben! Wieder einmal zeigte das Collegium 1704, wie man Begeisterung musikalisch übertragen kann.

Nach dem »Fänger« des mitreißenden Miserere I folgt bei Zelenka ein zweites Miserere, nun mit dem ganzen Text der Vulgata (Bußpsalm / Psalm 51), der nach der musikalischen Aufregung (zunächst) für eine harmonische Auflösung sorgt. Spätestens jetzt öffnete sich im Konzertsaal des Rudolfinums der herrliche Chorklang des Collegium Vocale 1704. Diese bestechende Qualität läßt sich nicht allein mit der Geschlossenheit einer Homogenität oder den solistischen Einzelleistungen der Chorsänger erklären – letztlich würde sich beides widersprechen. Es ist eine verblüffende Flexibilität, die Václav Luks erreicht und die sein Collegium kennzeichnet: es ist gleichermaßen Chor wie Vokalensemble.

Zunächst traten einzelne Solisten im harmonischen Kontrast heraus. Neben Alt, Tenor und Baß bereicherte vor allem Tereza Zimková (Sopran) das Miserere – sie kann mühelos mit mildem Klang eine ungemeine Leuchtkraft erreichen und ließ das Gloria funkeln.
Auszüge aus den Responsoria pro hebdomada sancta ZWV 55 hatten bereits 2009 zu den ersten »Bausteinen« der Musikbrücke Prag – Dresden gehört. Nun bewies das Collegium Vocale 1704 die Leichtigkeit luftiger Fugen. Darin schmiegten sich die Stimmen im Trio oder Quartett aneinander und hoben die Vokalensemblequalität hervor – gleichzeitig waren sie alle einzeln wahrnehmbar, aber ohne, daß eine Stimme herausragte oder dominierte. Trotzdem verschmolzen sie nicht so stark wie in einem Chor, sondern behielten die individuelle Charakteristik. Balance und Einsätze (also ebenso der Schluß der Passagen) »saßen« tadellos. Das Orchester des Collegium 1704 stand dem weder in der Klangschönheit noch in den Leuchteffekten nach, schließlich waren nach dem Miserere die Posaunen dazugekommen. Dennoch gelangen die von einem kleinstmöglichen Basso continuo (Orgel, Violoncello, Laute) begleiteten Teile nicht weniger eindrucksvoll.

Der Chor stand diesmal mit seinen internen Solisten ganz besonders im Mittelpunkt. Das wurde nach der Pause noch deutlicher, als das Collegium 1704 für Francesco Durantes Miserere c-Moll nur als Basso continuo auftrat, jetzt immerhin à cinq (plus Fagott und Kontrabaß). Durantes herrlich aufschwingender Gesang, der wie auf Flügeln schien und auf den Schlußworten (wie »tuam« / dein) ebenso lebendig vibrierte wie auf den wohlgesetzten Strophenanfängen (»Tunc« / Dann), wuchs zu einer atemberaubenden Schönheit.

Wer mochte das noch überbieten? Václav Luks gelang es mit Antonio Caldaras Stabat Mater, dem vielleicht wichtigsten Stück des Abends. Nun wieder mit dem ganzen Orchester und noch einmal Solisten stellte sich mit Chorfugen fallender Melodie ein erhebender Eindruck dar, den Sopranistin Pavla Radostová mit ihrem langen, kraftvollen Solo sogar noch auf umwerfende Weise erweiterte. Doch die Solistenensembles, vor allem im Trio, setzten affektvoll die Kronen auf dieses Stabat Mater, das auch von instrumentalen Kontrasten wie dem gediegenen Basso continuo und den Posaunen »angehoben« wurde. Zum ersten Mal erlebten wir übrigens Zuzana Petrasová bei einem der Konzerte. Caldara stand der Altistin besonders gut!

24. März 2026, Wolfram Quellmalz
Collegium 1704, Václav Luks (Leitung) Konzertprogramm »Stabat Mater«, noch einmal am 29. März in Hall in Tirol sowie am 3. April in Kraków
Zum Nachhören: Radio Vltava hat das Konzert übertragen, es kann hier nachgehört werden: