»Der ganze Himmel schweigt«

Kreuzvesper zum Beginn der stillen Woche

Mit dem Palmsonntag (Palmarum) und dem Einzug Jesu in Jerusalem erfährt die Passionszeit einen Höhepunkt kurz vor dem Osterfest. Gleichzeitig leitet er die »stille Woche« ein. Gottfried August Homilius, Kreuzkantor von 1755 bis 1785, hat dazu ein Passionsoratorium »Ein Lämmlein trägt die Schuld« (HoWV I.2) geschrieben, das in seiner preisenden Schönheit manchen Osterhymnus überstrahlt – was für ein Unterschied etwa im Vergleich mit Kantaten oder Passionsmusiken, die auf konzertierende Elemente verzichten mußten oder nur a cappella vorgetragen werden durften!

Doch vor den Ausschnitten aus Homilius‘ erstaunlichem Werk gab es eine weitere Erstaunlichkeit in verschiedener Hinsicht. Vor einigen Monaten hatte die Pressemeldung »neuer Bach-Werke« für Aufsehen gesorgt. Dahinter stand jedoch kein plötzlicher Fund, sondern eine Jahrzehntelange Recherche und Arbeit über bereits bekannte Stücke. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archives Leipzig, hatte zwei Handschriften aus dem Bestand der Königlichen Bibliothek Belgien (Koninklijke Bibliotheek van België) schon vor über dreißig Jahren »im Verdacht« gehabt. Im Rahmen seiner Forschungsarbeit konnte er 2025 nachweisen, daß die zwei Ciaconas aus der Feder Johann Sebastian Bachs stammen. Mittlerweile sind sie im Bachwerkeverzeichnis (Hauptteil) eingetragen und erfuhren am Sonnabend im Rahmen der Kreuzvesper ihre Dresdner Erstaufführung.

Capella Sanctae Crucis Dresden in der Kreuzvesper zu Palmarum am Sonnabend, Photo: Kreuzkirche Dresden

Kreuzorganist Holger Gehring spielte zuerst die Ciacona ex g (BWV 1179) zum Einzug, später fügte er die Ciacona ex d (BWV 1178) ins Programm. Während die erste mit einem »lobenden« Motiv in kräftigen Farben an den Komponisten von Werken wie der Passacaglia c-Moll (BWV 582) erinnerte, zeigte die zweite sich geschmeidiger und tänzerischer im Klanggewand der Wegscheider-Orgel.

Vielleicht waren diese beiden Erstaufführungen für viele Besucher ein Grund gewesen, die Vesper zu besuchen, Homilius‘ Oratorium, selbst wenn es nur in Ausschnitten erklang, war es nicht minder. Die Capella Sanctae Crucis Dresden erhob schon den ersten Teil mit dem Paul-Gerhard-Text »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld« als Himmelschoral in die Höhe. Mit Barockoboen und Traversflöten sowie einem ausdrucksstarken Sängerquartett (Dorothea Wagner / Sopran, Stefan Kunath / Altus, Sören Richter / Tenor und Clemens Heidrich / Baß) wurde das Werk äußerst lebhaft dargestellt, bezieht es sich doch auf die Passionsgeschichte mit teils heftigen, dunklen Passagen (»Klag in der Himmel bange Klage! Er ist nicht mehr mein Sohn«). Die Erzählung wurde nicht nur emphatisch durch die Sänger dargestellt, sondern war auch instrumental fast betörend, ja verstörend schön ausgeleuchtet – verblüffend!

Superintendent Christian Behr nahm in seinem Wort zum Sonntag das Werk und seinen Komponisten zum Anlaß, um die Musik, ihre Verfasser, deren Anerkennung und die Auffassung von Interpretationen (frei oder akribisch der Vorgabe folgend) einzubeziehen und verwies darauf, daß schließlich die Musik nicht nur ordnungsgemäß aufgeführt werden, sondern das Herz mitspielen müsse.

Vergleiche, Neueinordnungen und veränderte Auffassungen gibt es nicht nur im Hinblick auf Werkkataloge, wie das Beispiel der Ciaconas zeigt, sondern ebenso in bezug auf Interpretationen oder Rangordnungen – heute lastet Johann Sebastian Bach manchmal übermächtig über allen. Die »Spitzenposition« mag ihm zustehen, doch drängt sie andere, wie Söhne oder Nachfolgegenerationen, mit ihren neuen Ideen dabei auch zur Seite, was nicht gerechtfertigt ist.

Gottfried August Homilius, im gleichen Jahr geboren wie Carl Philipp Emanuel Bach, hat die Welt zum Beispiel um ein großartiges und durchaus innovatives Passionsoratorium bereichert. Es endet geradezu vergnügt (eine Charakteranweisung, die der Komponist sogar einer Aria vorgeschrieben hat) und mit einem Trostgedanken.

30. März 2026, Wolfram Quellmalz

In der Karwoche und zu den Ostertagen ist der Dresdner Kreuzchor mit seinen Aufführungen von Bachs Matthäus-Passion und in der Osternacht präsent. Doch sei den Lesern besonders die Kreuzchorvesper am Karsamstag empfohlen, dann erklingt Gottfried August Homilius‘ Osteroratorium »Frohlocket und preiset« (HoWV I.11)

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