Wie Vivaldi in Dresden

Karina Gauvin und Venice Baroque unter Andre Marcon bezaubern in der Frauenkirche

Auch das Wetter hatte es gut gemeint – die Abendsonne strahlte in die Frauenkirche und ließ die reichen Ausmalungen an Wänden, Säulen und Kuppel in prächtigen Farben aufleuchten, als wären sie Sinnbild gewordenen Musik.

Johann Georg Pisendel und Antonio Vivaldi hat einst wohl mehr verbunden als nur kollegiale Anerkennung. Die gegenseitige Wertschätzung hat sich in einem regen Austausch niedergeschlagen, dessen Inhalt heute noch zu großen Teilen erhalten ist. Aus diesem Fundus schöpften Andrea Marcon und das Venice Baroque Orchestra für ihren Besuch bei den Dresdner Musikfestspielen. Vier Konzerte mit mehreren Solisten entsprachen einerseits dem Concert-Grosso-Gedanken, waren aber auch auf Ausprägung und die besonderen Fähigkeiten der Dresdner Hofkapelle zugeschnitten gewesen, die 1716 und 1717 mehrfach in Venedig zu Gast war. Fast 300 Jahre liegt das nun zurück, die Brücke zwischen der Lagunenstadt und »Elbflorenz« hat sich erhalten – was nicht zuletzt dem nachhaltigen Wirken Vivaldis und Pisendels zugeschrieben werden kann.

Die Sächsische Hofkapelle existiert noch heute. Als Sächsische Staatskapelle hat sie eine reiche Geschichte erfahren und ist ein Weltorchester – das aber ganz anders klingt als zu Zeiten August‘ des Starken. Das Venice Baroque Orchestra wurde erst 1997 von Andrea Marcon gegründet, doch stützt sich der Weltrang dieses Ensembles nicht auf den Retortenklang eines Kunstproduktes, sondern auf das reiche Erbe italienischen bzw. venezianischen Musizierens. Will sagen: Das Orchester klingt, als bestünde es ebenfalls seit über 300 Jahren und hätte nicht nur die alten Instrumente, sondern auch die Weise, diese zu spielen, von Generation zu Generation weitergegeben. Originalinstrumente mit Darmsaiten und Barockbögen verstehen sich da von selbst, jeglichen Anschein »historisch informierten« Musizierens haben die Musiker aber vermieden – ihr Spiel ist historisch selbstverständlich.

Hinzu kommt, daß sich das Orchester offenbar gut auf das Konzert und den Raum vorbereitet hat. So kamen der dunkel schimmernde Streicherklang und die sich darüber abzeichnenden Solisten gleichermaßen zur Geltung. Blockflöten und Oboen waren doppelt besetzt, was leider nicht verhinderte, daß erstere im Ensemble manchmal verschwanden. Das wäre aber auch mit drei oder vier Blockflöten nicht zu ändern gewesen, in führenden oder Solopassagen bereitete ihnen Andreas Marcon einen samtenen Teppich, auf denen sie sich entfalten konnten. Viele Solisten gab es zu erleben, auch das Fagott trat hervor, die zweite Violine, die erste sowieso – hell und wie mit Vogelgesang. Beseelte Virtuosität allenthalben, bebende Musik, sonniges Vergnügen! So war das Programm denn auch vielseitig, trotz nur eines einzigen Komponisten. Andrea Marcon schaffte es, dieses Wiedererstehen der Musik so stringent und besinnlich zu gestalten, daß man auch die allerzartesten Töne noch hören konnte, selbst wenn sie – an der Grenze zur Unhörbarkeit – auch gedacht werden mußten.

Karina Gauvins Stimme ist für den großen Raum der Frauenkirche vielleicht zu klein. Doch gerade sie konnte sich auf Andrea Marcon und das eben genannte »Mitdenkhören« verlassen. In zwei Motetten Vivaldis, sehr viel weniger streng als die uns aus Andachten oder Vespern bekannten Werke waren, griff sie Geschichten um den Gottesglauben und ein den Unwettern ausgesetzte Schiff auf. Vivaldis Gestaltungsmittel zeigen die Nähe von Kirchenmusik und Drama oder gar Oper – Karina Gauvin konzentrierte sich hier ganz aufs Gestalten, arbeitete auf dramatische Höhepunkte hin, mit sanften Koloraturen und großer Tragweite auch bei weniger Lautstärke. Statt virtuos aufzutrumpfen traf sie ihre Zuhörer im Herzen.

Kein Wunder, daß das Publikum von Orchester und Solistin begeistert war. Beide bedankten sich denn auch mit einer Arie (»Armatae face«) des eifersüchtigen Vargaus aus Vivaldis dramatischen Oratorium »Juditha Triumphans«.

6. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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