Gediegene Quartettkunst

Auryn Quartett im Palais im Großen Garten

Das Auryn Quartett war bereits das vierte Ensemble seiner Art, das innerhalb weniger Tage bei den Dresdner Musikfestspielen zu erleben gewesen ist. Mit de Arriaga, Ravel und Sibelius streiften auch sie verschiedene Länder des warmen Südens und des kühlen Nordens, ganz so, wie es Festspielintendant Jan Vogler mit seinem Thema »Feuer Eis« erhofft hat.

Juan Crisóstomo de Arriaga, der »spanische Mozart«, starb wenige Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag. Trotzdem hat er uns ein bemerkenswertes Œuvre hinterlassen. Aus den drei Quartetten, die sich darunter befinden, stand das letzte (Es-Dur) auf dem Programm. Trotz leichter Intonationstrübungen und mehrfach notwendigem Nachstimmen fanden die vier Musiker des Auryn-Quartettes schon zu Beginn zu einem sonnige, ausgeglichenen Gemeinklang. Wenn sich erste Violine und Violoncello (bei Auryn links der Viola) im ersten Satz zweistimmig erhoben, sprengten sie dabei nie den Quartett-Rahmen. Das Auryn Quartett ließ Walzerseligkeit aufkommen, beließ dem Werk eine schwebende Leichtigkeit aber auch dann, wenn sie einmal kräftiger zupackten, wie im vierten Satz. De Arriage stand bei Auryn klar für die heitere Sonnenseite.

Mit Maurice Ravels Quartett F-Dur-Quartett änderte sich der musikalische Charakter grundlegend. Klangbildnerisch, mit sommerlich weichen, warmen Farben gestalteten Matthias Lingenfelder, Jens Oppermann, Stewart Eaton und Andreas Mundt den französischen Klassiker, an dem sich zur Uraufführungszeit durchaus die Geister entzündet hatten – zumindest jene der Lehrer an der Hochschule Maurice Ravels. Mit großer Klangfülle belebte das Auryn-Quartett das Werk, zeichnete flinke Figuren, die fiebrig, huschend und in hüpfenden Pizzicati durch den Saal eilten. Mit singendem Cello und rauen Bratschenton woben sie eine mystische Klangdickichte, in der sich Nachgestalten zu tummeln schienen. Ravels Quartett geriet ebenso geheimnis- wie lebensvoll! Im letzten Satz beschworen die Musiker Elfen hervor, die ihren Tanz bis zur neckischen Jagd steigerten.

Jean Sibelius‘ Quartett op. 56 »Voces intimae« setzte die bildgewichtige Sprache Fort, doch wieder mit anderen Mitteln und neuen Farben. Innere Stimmen sind es, die sich ausgleichen, aber auch in Widerstreit geraten. Das Auryn Quartett lotete diese bis in die Unergründlichkeit verlorener Seelen aus, ließ sie aber auch auffahren, sich wieder besänftigen. Doch wohnt dem nordischen Stück auch die Weite und die Ruhe inne, entwickeln sich manche Stimmungen und Bilder langsam – die Musiker nahmen sich die Zeit dafür, diese Tiefen zu ergründen, ohne träge zu werden.

Erregung muß nicht mit wildem Vibrato verbunden sein, tiefste Innigkeit nicht schmachten. Matthias Lingenfelder, Jens Oppermann, Stewart Eaton und Andreas Mundt bezauberten mit singender Leichtigkeit, aber vor allem auch mit einer über die Jahre gewachsenen Zusammengehörigkeit der Stimmen. Kein Zweifel – dies war große Quartettkunst! Mit Klangdichte und feinen Schattierungen zeigte sich das Auryn Quartett als Ensemble von – im besten Sinne des Wortes – alter Schule, in der Lage, Sinn und Sinnlichkeit zu vereinen.

»Dissonanzen« werden im allgemeinen als negativ wahrgenommen, weil man sie oft mit Mißstimmungen assoziiert. In der Musik haben sie jedoch eine etwas differenzierte Bedeutung, tragen zu Ausdruck bei, kennzeichnen Stimmungslagen. Daß diese nicht nur negativ sein müssen und ihnen stets eine Auflösung folgt, davon zeugt unter anderem Mozarts Dissonanzenquartett. Mit dem zweiten Satz Andante cantabile bewies das Auryn Quartett, wie sehr sie auch diesem Gedanken, der Wiener Klassik und speziell Mozart verhaftet sind. Ach, man hatte doch gleich noch ein Wiener Programm anhängen können, eine lange Nacht der Quartette…!

5. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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