Schütz und die Italiener

In Kooperation von Dresdner Hofmusik und Dresdner Musikfestspielen gastierte die Cappella Sagittariana mit Leiter Norbert Schuster am Sonntag und einem Programm um Heinrich Schütz an der ehemaligen Wirkungsstätte des Komponisten, der Schloßkapelle. Ebenso wie der Ort oft »Schütz-Kapelle« genannt wird, bezieht sich auch der Name des Ensembles auf jenen des Komponisten, der sich latinisierte Henricus Sagittarius genannt hat.

Das Konzertprogramm wurde dieser doppelten Prägung mit Werken Schütz‘ und solchen italienischer Komponisten seiner Zeit gerecht. Dabei wurden beide »Lager« berücksichtigt: Jene, die man dem Dresdner Kapellmeister zuordnen könnte, wie Giovanni Gabrieli, bei dem Heinrich Schütz während seines ersten Italienaufenthaltes studiert hatte, aber auch Claudio Monteverdi. Diesen hatte Schütz knapp zwanzig Jahre später, während eines zweiten Besuches in Venedig, ebenfalls kennengelernt, seine modernere, stärker auf Effekten beruhende und weltlichere Art zu komponieren jedoch mit den Jahren mehr und mehr abgelehnt. Die italienische wie nachfolgend die gesamte europäische Musikentwicklung wurde um diese Zeit zunehmend durch die Entwicklung der (neuzeitlichen) Oper geprägt (also Oper in der Form, wie wir sie seit dem Barock kennen). Neben Jacopo Peri und Giulio Caccini war Claudio Monteverdi (»L’Orfeo«) einer der maßgeblichsten Komponisten dieser neuen Musik.

Das Programm der Cappella Sagittariana folgte im wesentlichen der Chronologie und begann mit sehr frühen Kompositionen Schütz‘. Umrahmt von zwei Werken Gabrielis erklangen auch die beiden Katalognummern 1 und 2 aus dem Schützwerkeverzeichnis (SWV), die während des ersten Venedigaufenthaltes entstanden waren. Für Gabrielis Madrigal zu acht Stimmen hatten sich die Sänger in zwei Gruppen auf den Brücken in der Emporenhöhe einander gegenüber aufgestellt und ließen einen hingebungsvollen Gesang (über eine »tödliche«, weil noch unerfüllte Leidenschaft) auf die Besucher niedersinken. Der Raum der Schütz-Kapelle ist trotz rekonstruiertem Schlingrippengewölbe zu großen Teilen noch ein Rohbau mit viel Beton und wenig Holz. Die Akustik ist daher recht »trocken«, was eine noch stärkere Wirkung der Musik, vor allem wenn von oben gesungen wird, leider hindert. Den beiden Madrigale Schütz‘, in welchen auf die Jugend und deren Liebe zurückgeblickt wird, wohnt ebenfalls Wehmut inne. (Nach diesem, von den Emporenköpfen auf halber Höhe vorgetragenen Stücken, begaben sich die Sänger für das weitere Programm auf die Bühne der Instrumentalisten.) Ergänzt wurden die Stücke durch zwei Canzone Giovanni Gabrielis, erst im Gambenconsort, dann um Dulcian, Orgel und Laute erweitert.

Zum Glück ist die Schütz-Kapelle aber auch ein leiser Ort, in dem sich die Wirkung einzelner Stimmen entfalten kann. Gerade bei oft nur einfacher Besetzung kam dies zur Geltung, formte die Cappella Sagittariana aus Textsinn Klang. Immer wieder ergaben sich dabei betörende Momente, vor allem durch die solistischen Sänger. Besonders Beat Duddeck (Alt) und Tobias Hunger (Tenor) taten sich hier wohltuend hervor, während den Sopranen (Heidi-Maria Taubert und Ina Siedlaczeck) die Geschmeidigkeit im Verlaufe etwas verlorenging. Höhepunkt war ganz klar das von Baß Matthias Lutze sowohl dramaturgisch fesselnd als auch sinnlich gesungene geistliche Konzert »Laetatus sum« (»Ich freue mich«) Carlo Pallavicinos. Aufhorchen ließ ebenso Pietro Andrea Zianis »Sonate a 5«. Der Italiener hatte das Werk nach einem Dresdenbesuch auch in Freiberg herausgegeben. Die Cappella Sagittariana überraschte hier nach einem Kanon-Abschnitt mit einem im Bogenvibrato vorgetragenen Tremolo – soviel zur Mär, Vibrato gebe es erst seit der Romantik. Claudio Monteverdi hatte in seinem Schaffen Effekte zur Dramatisierung als wichtige Stilmerkmale entwickelt und damit die Musik seiner Zeit geprägt. Mit seinem kunstvollen und prächtigen »Gloria a 7« endete das Konzert mit funkelnden Stimmen.

1. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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