Leidenschaft schafft Leiden

Dresdner Hofmusik mit Szenischer Collage über Liebe und Krieg im Militärhistorischen Museum

Bei Ankündigungen von übergreifenden Aufführungen, die mehrere Sparten »bedienen«, wird man schnell mißtrauisch. Nichts kann ermüdender sein, als beispielsweise zu Mussorgskys »Bildern einer Ausstellung« die jeweiligen Bilder via Projektion visualisiert zu bekommen. Derlei Überlagerungen auditiver und visueller Reize überfordern oft die Wahrnehmung von Zuhörern und Zuschauern, vor allem dann, wenn die Bilder nur die Musik kommentieren. Auch der Effekt von »Doppelungen«, Tänzer zum Beispiel, die eine gesungene und gespielte Szene noch einmal parallel darstellen, verliert sich schnell. Es kommt also nicht zuletzt auf die Dosierung an.

Die »Dosis« stimmte am Donnerstagabend im Militärhistorischen Museum Dresden ganz außerordentlich! Und das, obwohl es sogar drei Erregungen gab: die Musik Claudio Monteverdis, dessen 450. Geburtstag der Anlaß der Aufführung gewesen war, Tanz (Choreographie und Ausführung Katja Erfurth) sowie Projektionen (Claudia Reh).

Claudio Monteverdi gehört zu den wichtigsten und prägendsten Komponisten der Musikgeschichte. Bis heute berühmt durch seine Opernwerke, läßt sich in seinen Madrigalbüchern (insgesamt acht) eine ungeheure Entwicklung des Musikstils nachvollziehen, welche ganz Europa erfaßt hatte. Musik aus dem achten Madrigalbuch stellte Leiter Norbert Schuster mit der Cappella Sagittariana Dresden und sechs Gesangssolisten in den Mittelpunkt. Und warum gerade hier, an diesem Ort, dem Militärhistorischen Museum? Weil Liebe und Krieg die tiefsten Leidenschaften verkörpern, weil auch der »grausame Amor« ein Krieger ist, wie schon der Dichter Giovanni Battista Guarini schrieb.

Die zwei Teile des Abends folgten so den Gesangstexten »Mögen andere von Amor singen […] Ich singe vom Mars« (Krieg, Teil 1) bzw. analog »Mögen andere vom Mars singen […] Ich singe, Amor, von deiner Kriegerin« (Liebe, Teil 2). Von Leidenschaft erfüllt spielte die Cappella Sagittariana auf historischen Instrumenten. Mit den Solisten Heidi Maria Taubert und Isabel Meyer-Kalis (Sopran), Stefan Kunath (Alt), Tobias Hunger und Hermann Oswald (Tenor) sowie Manuel Nickert (Baß) ließen sie Monteverdis betörende Musik durch die Museumshalle fluten, was allein schon ergreifend gewesen wäre. Daß Orchester und Sänger mit krankheitsbedingten Ausfällen zu kämpfen haben, ist für die Jahreszeit typisch, daß der Bassist erst am Vortag eingesprungen war und seine Rolle so makellos ausfüllte, verdient höchsten Respekt!

Claudia Reh sorgte während des Abends für Projektionen auf einer Leinwand seitlich der Musiker. Es waren eher Farbflächen, Ornamente, Symbole, welche Stimmungen umschrieben als konkrete Bilder. Und wenn, dann waren sie interpretierbar, bildeten Symbolpaare wie die Verbindung Liebe-Krieg: waren das wirklich Federn, oder doch Augenwimpern? Himmel oder Schneekristalle? Ein Schmetterling oder Pegasus? Der Wandel der Projektionen war so stetig wie geruhsam. Ebensowenig wie beim Tanz kam hier Hektik auf, auch konnte jeder im Publikum frei entscheiden, ob er nur der Musik folgen oder die ganze Collage betrachten wollte. Das war überhaupt wesentlich: im Gegensatz zu anderen (mißglückten) Versuchen dieser Art entbehrte die Aufführung der Aufdringlichkeit. So war sie frei für persönliche Assoziationen.

Katja Erfurth ergänzte den Abend zu ausgewählten Stücken mit Ausdruckstanz – auch dieser ruhig, als formulierte sie die Figuren, die sie darstellte, aus. Auf der Fläche vor den Projektionen war sie zunächst schwarz (Teil »Krieg«) gekleidet, vollführte auch Schattentänze, während sie für die zweite Programmhälfte (»Liebe«) ganz in weiß auftrat und zum Teil der Projektionen wurde, die nun farbiger und sanfter ausfielen, während sie zunächst kontrastreich und »schärfer« ausgesehen hatten.

Monteverdis polyphone Harmonie als Grundlage, anregende Ergänzungen für die Abstraktion oder Assoziation – ein gelungenes Experiment!

29. September 2017, Wolfram Quellmalz

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