Reformation und Bach, Klavier und Orgel

Pianist Kit Armstrong in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche

Wir feiern nicht nur 500 Jahre Reformation, wie in jedem Herbst finden an der Dresdner Frauenkirche derzeit auch wieder die Frauenkirchen-Bachtage statt. »re| formation« und »Neue Perspektiven« titelte deshalb das Programm am Freitag, und Kit Armstrong, von Alfred Brendel als das »größte Talent« bezeichnet, das er erlebt habe, gab diesem in der Tat Inhalt. Auf dem modernen Konzertflügel interpretierte der Pianist nicht nur Bach, sondern auch alte und neuere Meister. In der Zusammenstellung gewährte er dabei ebenso neue Einblicke oder Verbindungen wie im Klang, denn die meisten Stücke dürften dem Publikum eher auf der Orgel bekannt gewesen sein.

Sinnig hatte Armstrong Stücke zusammengefaßt, die ein gemeinsames Thema hatte, was hier hieß: demselben Choral folgten; als Variation, Bearbeitung oder Vorspiel. Ein Problem für Konzertorte wie die Frauenkirche, die also über kein Anrechts- oder anderes stetiges Publikum verfügen, sondern einen hohen Anteil an Touristen und Neugierigen haben, ist oft der unerwünschte Zwischenapplaus. Anderslautenden Meinungen (selbst wenn diese von Musikern stammen) zum Trotz kann solcher nämlich ungemein störend und enervierend sein. Für dieses Mal hatte man vorsorglich die Gruppierung der Stücke im Programmheft gekennzeichnet, was funktionierte.

Kit Armstrong begann den Abend mit drei Werken zum Choral »Erbarm dich mein, o Herre Gott«, welcher unmittelbar aus der Anfangszeit der Reformation stammte. Jan Pieterszoon Sweelinck hatte knapp 100 Jahre später Variationen über den Choral geschrieben (SwWV 303), Heinrich Bach, ein Großonkel Johann Sebastians, eine Fuge darüber komponiert, Johann Sebastian Bach später eine Bearbeitung verfaßt (BWV 721). Erstaunlich war die Klarheit Sweelincks Komposition, deren wirkmächtigen Orgelbaß Kit Armstrong auch auf dem Flügel entfaltete, während Heinrich Bachs vergleichsweise kurzes Werk die enge Verknüpfung der beiden Stimmen vorführte. Um so mehr überraschte hingegen seine romantische Auslegung Johann Sebastian Bachs, eine Ausprägung, die der Pianist in der Partita »O Gott, du frommer Gott« (BWV 767) und der Choralbearbeitung »Herzlich tut mich verlangen« (BWV 727) beibehielt.

Erstaunlich war nicht weniger die Weite, welche die Werke Franz Liszts offenbarten: während seine Choräle für Orgel S 669a die Schönheit des schlichten innig bergen, weisen die Variationen über »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« bereits weit in die Zukunft, zumindest dahin, wo Liszt den Klang sich hinzuwenden glaubte – Durchdachtheit und die Schönheit des üppigen.

Mit Max Reger, Johannes Brahms (beide zu »Herzlich tut mich verlangen«) und Ferruccio Busoni (Fantasia nach BWV 253) rundete Kit Armstrong seinen Blick über die Jahrhunderte ab. Wie feine Federzeichnungen waren seine Interpretationen, aber auch von großem Farbenreichtum. Mitunter vermißte man die klare Brillanz, vor allem bei Bach selbst, ebenso hätte der Pianist die Moderationen deutlich einschränken können. Vieles davon war – so interessant es gewesen ist – doch eher etwas fürs Programmheft als ein persönlicher Einblick, hier sollte man Einführung und Konzert deutlicher trennen.

Dafür hätte es dann gerne noch mehr im Sinne der Zugabe sein dürfen: John Bull war ein Verehrer Jan Pieterszoon Sweelincks gewesen. Seine »Hymne an den Schöpfer« erklang delikat.

30. September 2017, Wolfram Quellmalz

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