Parodien, keine »Plagiate«!

Virtuosi Saxoniae und Ragna Schirmer zu Gast in der Frauenkirche

Einen Tag nach Kit Armstrong gab Ludwig Güttler, nicht nur ein wenig der künstlerische »Hausherr« der Dresdner Frauenkirche, vertiefte Einblicke in die Musik. Höreindrücke und Bachs Musik waren es natürlich, die Frauenkirchen-Bachtage setzen die Reihe noch bis zum kommenden Sonnabend fort.

Daß man in früheren Zeiten »musikalisches Material« wiederverwendet hat, ist heute bekannt, auch wenn es nach wie vor allzu leichtfertig mit aktuellen Fällen von Plagiaten gleichgesetzt wird – es ist mitnichten so! Vielmehr haben Komponisten damals bekannte Themen aufgegriffen, als Zeichen der Ehrerbietung gegenüber dem Urheber ebenso wie um den Eindruck und die Zugänglichkeit ihres Werkes durch ein gängiges oder bekanntes Thema zu erleichtern und zu vertiefen. In der Kirchenmusik selbst ist der pragmatische Ansatz hinsichtlich der Verwendung von Chorälen ebenso unumstritten üblich.

Im Fall Johann Sebastian Bachs besteht nun die Besonderheit, daß er im Gegensatz zu Kollegen denn häufig bei sich selbst »abschrieb«, als bei anderen zu entlehnen. Hier wie da waren die Gründe aber nicht zuletzt pragmatische.

Gleich mehrere solcher Beispiele hatte Ludwig Güttler ins Programm genommen, denn die Kantaten »Falsche Welt, ich trau Dir nicht« (BWV 52) und »Ich liebe den höchsten von ganzem Gemüthe« (BWV 174) greifen in ihren Sinfonia-Sätzen solche aus den Brandenburgischen Konzerten auf, gleichwohl diese in der Besetzung angepaßt und verändert wurden (oder es sich um frühere Fassungen handelt). Gleiches gilt für die Sinfonia der Kantate »Gott soll allein mein Herze haben« (BWV 169), in welcher der erste Satz des Konzertes für Tasteninstrument E-Dur BWV 1053 erklingt, hier allerdings transponiert nach D und auf der Orgel – und dies waren nur die drei prägnantesten Beispiele des Abends.

Die Virtuosi Saxoniae traten dabei (wieder) einmal nicht als Bläserensemble, sondern als Kammerorchester mit brillanten Bläsern auf, wobei diese zuweilen auch vollkommen schwiegen, wenn Bach ihnen keine Stimme gegeben hatte.

Fein in der Artikulation gelangen – soweit das möglich war – schon die instrumentalen Beiträge und die Begleitung. Die enge Verschlingung von Soloinstrument und Orchester hatte vor allem im Siciliano des Klavierkonzertes eine außerordentliche Wirkung. In den Ecksätzen ging dagegen die Klarheit verloren – Pianistin Ragna Schirmer, die sich ihres Parts mit großem Einfühlungsvermögen annahm und das Feingefühl eines weichen Anschlages hat, saß mitten im Orchester und nicht davor, wie sonst üblich. Noch mehr wurde der Eindruck dadurch eingeschränkt, daß die Musiker erneut im Altarraum spielten, weshalb sich Klang und Nachhall ungünstig mischten.

Von diesem Manko waren vor allem die Sänger betroffen. Das Sächsische Vokalensemble (Matthias Jung) war im Ausdruck hinreißend – verstehen konnte man die Choräle indes kaum. Auch die Solisten Sara Magenta Schneyer (Sopran), Katrin Lena Heles (Alt), Stephen Scherpe (Tenor) und Daniel Ochoa (Baß) mühten sich redlich um eine Balance zwischen Verständlichkeit und Ausdruck, was aber zu einer Ungleichheit der Sänger führte. Sopran und Baß erschienen so deutlich lauter als Alt und Tenor (wobei dies im Falle der Sopranistin weniger Gewicht hatte, die nur in BWV 52 auftrat und dort Solistin war). Stephen Scherpe wiederum konnte gerade in seinem Rezitativ der Kantate BWV 169 mit geschmeidiger und melodiöser Erzählerstimme beeindrucken.

1. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: eben erschienen: Ragna Schirmer »Clara« (Berlin Classics), im Mittelpunkt der Aufnahme steht Clara Schumann, deren Klavierkonzert die Pianistin ebenso spielt wie Ludwig van Beethovens viertes Klavierkonzert mit den Kadenzen Clara Schumanns. Eine CD-Rezension erscheint in den nächsten Tagen auf dieser Seite

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