Gravitätisch und festlich

Vox Orchester legt »englische« CD vor

Purcell Locke

Vor vier Jahren wurde unter der Leitung von Lorenzo Ghirlanda das Vox-Orchester gegründet, zwanzig junge Menschen aus zehn Ländern, die sich von Beginn für Alte Musik und die historische Aufführungspraxis entschieden hatten. Für sie ist selbstverständlich, was Harnoncourt, Leonhard und Co erstritten haben.

Nicht nur gestritten, sondern gekämpft, wurde im England des 17. Jahrhunderts um die Konfessionen. Anglikanische Kirche und evangelische Freikirchen, der Konflikt von »protestantischem Orkan« und »katholischen Flammen« war auch Matthew Locke und Henry Purcell bekannt – sie dienten Herren (Königshäusern), deren Konfession sich von der eigenen unterschied, in einer Zeit, in der solche Unterschiede leicht ein Leben kosten konnten …

Doch haben sie derlei Konflikte nicht in ihre Musik einfließen lassen. Nur dann, wenn ein Opernstoff es erfordert, wenn Helden mit Meeresungeheuern kämpfen oder Schiffbruch erleiden, werden Purcell und Locke dissonant. Pure Musik ist es, was beide geschrieben haben, von höchster Qualität und einem Zweck bestimmt. Dazu gehörte durchaus: unterhalten. Beste, qualitätvolle Unterhaltungsmusik heißt im 17. Jahrhundert unter anderem: Suiten.

Lorenzo Ghirlanda hat für die zweite CD des Vox-Orchesters (für die erste hatte er keinen geringeren als Christoph Pregardien gewonnen) vier solcher Suiten von Henry Purcell und Matthew Locke aufgenommen. Aus den Opern bzw. Semi-Opera »King Arthur« (Purcell), »The Tempest« (Locke), »Dioclesian« (oder »The Prophetess«, Purcell) und »The Fairy Queen« (Purcell) sind die Instrumentalmusiken zusammengefaßt (charakteristisch für Semi-Opera war eine Mischung aus Musik, gesungenen Arien und Chören sowie gesprochenem Text), wie sie auch damals zu festlichen Anlässen oder bei Banketten »nebenher« gespielt wurden.

Mit der kleinen Orchesterbesetzung fällt dies äußerst reizvoll aus, denn die jungen Musiker zeigen sich wahrlich »historisch informiert«, spielen präzise und effektvoll. Die Besetzung gestattet es auch, gerade Bläserakzente wirkungsvoll zu inszenieren, gleichzeitig wahrt das Orchester einen fast höfischen Glanz der Musik: mag es zu Mord und Totschlag kommen oder zu Sturm und Schiffbruch – die Musik bleibt doch immer festlich-elegant!

Da fehlt eigentlich nur eines: der Gesang. Denn gerade darin können diese Komponisten betören, und angesichts der Musik wünschte man sich hier und da doch eine Julia Böhme, Anna Prohaska oder einen Ildebrando D’Arcangelo hinzu. Und manches darf vielleicht ein wenig rauher klingen, erfahrener, spontaner – dafür wäre man bereit, einen Hauch Präzision herzugeben. Aber das wird sicher noch kommen.

Matthew Locke (1621 bis 1677) hätte der Vater Henry Purcells (1659 bis 1695) sein können (dessen Vater war tatsächlich Mitglied der Chapel Royal), doch Purcell blieb es leider versagt, das musikalische Erbe weiterzutragen und weiterzugeben – mit gerade einmal 26 Jahren starb der Orpheus britannicus viel zu früh. Nun ist es das Anliegen Lorenzo Ghirlandas, seine Musik weiterleben zu lassen – mit »Purcell, Locke – Orchestral works« ist dies gelungen.

August 2019, Wolfram Quellmalz

Mittlerweile gibt es auch einen Vox-Chor. Beide, Chor und Orchester, sind am 12. September in Halberstadt zu erleben. Im Rahmen der »Halberstädter Schatzjahre 2018 – 2020« spielen sie Georg Friedrich Händels »Das Alexanderfest« (HWV 75). 19:30 Uhr, Liebfrauenkirche, Domplatz

Vox Orchester, Lorenzo Ghirlanda (Leitung): »Henry Purcell, Matthew Locke – Orchestral Works«, Deutsche Harmonia Mundi

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