Mit ZentralVokal in die Sommerpause

Dresdner Kammerchor nah an der Natur

Der Dresdner Kammerchor hat binnen kurzem nicht nur den Kulturraum des Zentralwerks erobert, es ist ihm auch gelungen, eine neue Reihe zu etablieren und dort eine eigene Atmosphäre zu schaffen. Nach dem kurzfristig erzwungenen Umzug der einstigen »Pumpenhausmusik« wurde das neue »A cappella im Zentralwerk« sogleich heimisch und heißt seitdem ZentralVokal. Unter diesem Namen fand am Dienstag das nun zweite (insgesamt dritte) A-cappella-Konzert des Dresdner Kammerchores statt.

Der Dresdner Kammerchor im ZentralWerk Dresden, Dirigent: Konrad Schöbel, Photo: Dresdner Kammerchor, © Joschua Vlasanek

Selbst wenn das Programm keinen expliziten Titel trug, so wendet sich der Kammerchor doch letztlich immer einem Thema zu, schon deshalb, weil er die Auseinandersetzung mit der Musik sucht und das Publikum einschließt. Insofern waren die Worte von Konrad Schöbel, der zu Beginn den Naturbegriff aufnahm und einlud, diesem bis hin zu Fabelwesen und idyllischen Naturbildern zu folgen, unmittelbar zugänglich. Konrad Schöbel ist Dirigierstudent von Hans-Christoph Rademann, der den Dresdner Kammerchor eigentlich leitet, im Jubiläumsjahrgang (Amtseinführung Johann Sebastian Bachs als Thomaskantor) jedoch zahlreichen Verpflichtungen bei der Internationalen Bachakademie Stuttgart nachkommen muß.

Die Vertretung von Konrad Schöbel ließ nichts missen, was man an Qualität des Kammerchores gewohnt ist und daher erwartet. Die Geschlossenheit des Ensembles, die Fähigkeit, in den Stimmgruppen ganz unterschiedlichen Pfaden zu folgen und ein komplexes Klangbild zu formen oder die Einbeziehung einzelner als Solisten – auch am Dienstag konnte man das wieder erleben. Das ermöglicht gleichzeitig den Zugang oder die Bekanntschaft mit unbekannter, neuer Literatur wie Clytus Gottwalds »Genesis«, worin sich der Schöpfungsursprung auf wenigen Zeiten vollzog. Dabei gelang es Konrad Schöbel, bereits vor der Schlußzeile (»Licht! Es werde Licht!«) dem Text einen Lichtcharakter zu verleihen.

Daß der Chor bei Heinrich Schütz (»Singet dem Herrn«, SWV 35) nach wie vor sein ureigenstes Repertoire findet, ist nicht nur schön, sondern auch eine Versicherung für die Zukunft. Und es hindert nicht, andere Werke und Zeiten zu durchforschen. Etwa mit Wilhelm Weismanns »Der Herr ist mein Hirte«, der sich Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch einmal auf eine (spät)romantische Tradition besann, ohne jedoch »rückwärtsgewandt« zu klingen – sein mit vielen Tonsprüngen gerade in den Sopranen versehenes Lied wirkte erfrischend frisch!

Noch größer, weil vielseitiger und vielgestaltiger zeigte sich der Dresdner Kammerchor nach der Pause mit Antonín Dvořáks »In der Natur« sowie Paul Hindemiths »Six chansons«, Vertonungen französisch abgefaßter Texte von Rainer Maria Rilke. Beide Sammlungen bestechen gerade nicht durch eine geschlossene Form, sondern eine höchst individuelle Ausformung und Differenzierung. Bei Dvořák begeisterte vor allem »Hörst du des Haines Abendgeläute«, in dem sich die Chorstimmen ebenso in unterschiedlichen Ebenen verbanden wie im Text beschriebene Attribute (Wind, Vogelruf, Geläut). Bei Hindemith und Rilke fasziniert ohnehin die mit dem Sprachwandel einhergehende Transportation. »Un cygne« (Ein Schwan) präsentierte sein Thema einmal nicht als romantisches Symbol, sondern eher zurückgenommen, was sein geheimnisvolles Sinnen noch um einige Stufen steigerte.

Zwischen den gesungenen Texten trug die Schauspielerin Magdalena Laubisch Gedichte vor. Manchen, vor allem Rainer Maria Rilkes »Dein allererstes Wort war Licht« oder »Das Einhorn«, fehlte ein wenig der Atem, die Ruhe oder schlicht Pausen, gelungen war dagegen das auf einzelne Worte fokussierte »Psalm« von Paul Celan.

Das Einhorn hatte auch Ola Gjeilo aufgegriffen, der in »Unicornis captivatur« mit einer Halleluja-Pause (wie in Händels »Messiah«) überraschte. Für einen angenehmen Ausklang bei drückendheißem Wetter sorgten Fanny Hensels »Abendlich rauscht schon der Wald« sowie – als Zugabe – Johannes Brahms‘ »Waldesnacht«.

12. Juli 2023, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert ZentralVokal III findet am 26. September statt.

http://www.dresdner-kammerchor.de

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