Akademie stärker ins Hauptprogramm

Moritzburg Festival startet mit Wetterglück

Die Auflockerung des Wetters in der zweiten Tageshälfte am Freitag haben viele sicher begrüßt, manche hätten sich aber auch mehr Regen oder eine unsicherere Lage gewünscht, dann wäre der Auftakt des Moritzburg Festivals an den Ersatzspielort in der Kirche verlegt worden – immerhin einer der traditionellen Konzertorte. Denn trotz der wieder ausgezeichneten akustischen Aufbereitung auf der überdachten Terrassenbühne hinter dem Schloß ist die Atmosphäre in der Moritzburger Kirche doch schöner – dichter, direkter, mehr Kammer-Musik.

Doch egal, welche Vorlieben man hegt: Besucher des Moritzburg Festivals – für viele der kommenden Konzerte gibt es noch Karten, die Programme lohnen allemal – sollten berücksichtigen, sich in puncto Wetter entsprechend auszustaffieren, denn Augustabende am Moritzburger Teich können kühl werden. Und ein Leselicht ist ebenso zu empfehlen, spätestens nach der Pause ist es schlicht zu dunkel, um noch einen Blick ins Programmheft werfen zu können. Gerade zum Konzert »Wie des Abends schöne Röte« am kommenden Sonnabend wäre das aber von Vorteil, denn einer liebgewonnenen Moritzburger Tradition folgend stehen dann wieder Lieder im Mittelpunkt.

Auch die 31. Auflage des Festspielklassikers ist nicht unverändert. Diesmal waren der MDR und das ARD-Radiofestival gleich zum Auftakt mit einer Radioübertragung auf allen Kulturkanälen dabei (leider läßt sie sich nicht in der Audiothek wiederfinden). Inhaltlich rücken in diesem Jahr Hauptprogramm und Akademie noch näher zusammen. Vielleicht ist dies die schönste Neuerung: schon immer gehört der Nachwuchs nach Moritzburg, hat seit vielen Jahren mittlerweile ein eigenes Programm. Hier und da halfen die besten der Akademisten bereits früher schon aus, doch in diesem Jahr gibt es Programme, die vorab bereits Akademie und erfahrene Musiker vereinen.

Einer, der aus der Akademie gewachsen ist und heute beide Rollen vermittelt, sprang beim Klavierquartett g-Moll KV 478 von Wolfgang Amadé Mozart für eine Kollegin ein: Kevin Zhu übernahm die erste Violine, neben ihm spielten Illia Ovcharenko (Klavier) sowie die Moritzburg-erfahrenen Sindy Mohamed (Viola) und Bruno Philippe (Violoncello). Und sogleich stellte sich ein wunderbar ausbalanciertes und akustisch wiedergegebenes Gleichgewicht her: Illia Ovcharenko tupfte den Bösendorfer 230 VC vom Klavierhaus Weber oft ohne übermäßigen Pedaleinsatz, was den dialogischen Kammermusikcharakter des Werkes, dem manche einen Konzertgestus nachsagen, betonte. Und so ergab sich auch auf der Schloßterrasse eine erstaunliche Dichte, wuchs das Andante beinahe zum Andante religioso. Noch beeindruckender war der Part der Streicher, der mal (Unisonopassagen) geschlossen blieb, dann die Rolle aufteilte und ariose Soli oder Duette formte, die Trübung im letzten Satz fein schattierte und das Finale pointiert auszeichnete.

Jan Vogler hatte zu Beginn die Gäste begrüßt und die Gänse gebeten, doch vom Mitmusizieren abzusehen – mit dem Resultat, daß vor allem Schwalben und Krähen fröhlich dazwischenriefen. Doch mit der einsetzenden Dämmerung gaben sie ihr Neckspiel bald auf.

Zeit für die Akademisten oder den Meisterkurs Jan Vogler. Der Festivalleiter hatte Anfang August den Cellonachwuchs nach Neuhardenberg eingeladen und präsentierte jetzt gemeinsam mit Gaeun Kim, Luis Aracama Alonso, Friederike Herold, Cosima Federle, Ramiro Carbone Terán, Arne Zeller und Benjamin Lund Tomter Heitor Villa-Lobos‘ »Bachianas Brasileiras« Nr. 1. Wohlgemerkt ist dies keine Bearbeitung à la Die zwölf Cellisten – das Werk ist für Celloorchester geschrieben. Die drei Sätze sind episodenhaft ausgeformt, spielen mit gesanglichen und rhythmischen Themen und führten einmal mehr südamerikanische Musik nach Moritzburg – Astor Piazzolla und der Tango waren schon mehrfach Gäste hier. Überzeugend war die Flexibilität, was einen flüssigen Episodenwechsel ebenso erlaubte, wie sich das Ensemble verdichten konnte oder in Soli (neben Jan Vogler Luis Aracama Alonso und Ramiro Carbone Terán) zu präsentieren wußte.

Eroeffnungskonzert vom Moritzburg Festival am 04.08.2023 auf der Terrasse von Schloss Moritzburg . Foto: Oliver Killig

Spitzensextett: Ulrich Eichenauer, Kai Vogler, Mira Wang, Sindy Mohamed, Margarethe Vogler und Sandra Lied Haga spielten Brahms, Photo: Moritzburg Festival, © Oliver Killig

Mit dem ersten Streichsextett von Johannes Brahms gab es nicht einen Moritzburger Evergreen zum Schluß, auch der Reigen der Akteure mischte – wie gewohnt – die Karten neu: neben den erfahrenen und seit der Gründung beteiligten Kai Vogler und Mira Wang (Violinen) sowie Ulrich Eichenauer (Viola) spielte Sindy Mohamed, mittlerweile schon seit einigen Jahren dabei, die zweite Viola, Sandra Lied Haga und Margarethe Vogler als »Familienmitglied im höheren Sinn« sowie Ex-Akademistin (Violoncelli) sorgten dafür, daß auch Brahms‘ dunkle Seite zur Geltung kam. Etwa im Duo der beiden Violen, zuvor hatten Kai und Margarethe Vogler ein herrliches Duett vor den übrigen Streichern gebildet. Das verzückende war, daß man beobachten (hören) konnte, wie einerseits die sechs Stimmen verschmelzen, dabei aber nicht einfach ein polyphones Gemisch entstand, sondern jede Stimme ihre Individualität behielt und hervortreten konnte, ohne den Verbund aufzulösen.

5. August 2023, Wolfram Quellmalz

https://www.moritzburgfestival.de

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