Grigory Sokolov im Gewandhaus zu Leipzig
Der Termin ist, abgesehen von einer Verschiebung aus dem November in den Mai, längst ein unverzichtbar regelmäßiger Eintrag alle zwei Jahre im Terminkalender: Grigory Sokolovs Klavierspiel ist einfach faszinierend. Auch gestern im Gewandhaus zu Leipzig stellte sich mit dem ersten Tastenschlag wieder jene Aura ein, Stille und Spannung, die das Publikum fast atemlos lauschen läßt. Applaus zwischen den Sätzen? – Woher? Wer es nicht weiß, spürt, daß sich auch auf ein abschließendes Allegro noch etwas anschließen kann.

Den Kosmos der pianistischen Welt öffnete Grigory Sokolov gestern mit Johann Sebastian Bach. Bach in der Bachstadt – ist da nicht längst alles gesagt? Offenbar nicht, denn Sokolov schickte der Partita c-Moll (BWV 826) die vier Duette aus dem Dritten Theil der Clavierübung (BWV 802 bis 805) voraus. Bach schien mit oder durch den Pianisten auf- und auszublicken, auf Musik die an diesem Abend noch folgen sollte oder einfach auf die Musikgeschichte (?), denn es steckten schumanneske Harmonien darin, etwa aus den Studien für den Pedalflügel (Duett F-Dur). Oder wohnte der Geist Frédéric Chopins bereits im Duett a-Moll? Die Feinheit des Anschlags fiel schon zu Beginn auf und wischte jede Diskussion oder Frage, ob man Bach denn auf einem modernen Klavier spielen dürfe, beiseite.
Die feine Artikulation, der kultivierte Anschlag, der hauchzart sein konnte und dennoch Kontur verlieh, formte auch das Grave adagio der Partita sorgsamst heraus. So saubere, aber beseelte Phrasierung kann nicht nur Teile binden und Übergänge schaffen, sie verdeutlicht, daß eine Fuge oder fugierte Passage eine Art Wachstumszentrum ist, das etwas hervorbringt, das Stabilität verleiht, der Dynamik eine Richtung gibt. Und ein »Allegro«? Es ist nicht allein »schnell« oder »munter«, nein, es perlt! Dabei hielt Bachs »Zukunftsblick« an – oder war das nicht Mozart, der erzählend durch die Courante streifte? Maß und Form könnten Attribute der Langeweile sein, doch wenn sie so exquisit geboten werden, erfahren sie eine Aufwertung, bekommen Charakter und Seele.
Solche hatten nicht weniger die Mazurken, die Grigory Sokolov nach der Pause zu einem Strauß band – oder zu zweien? Denn wiewohl fortlaufend (jedoch nicht übereiltes) präsentiert, offenbarten zwei Zyklen Chopins ihre Unterschiede. Die Quarte Mazurkas Opus 30 erwiesen sich als nonchalante Miniaturen, die den Frühling eingefangen hatten oder (vielleicht) George Sand (die Chopin gerade kennengelernt hatte) portraitierten. Mit der letzten (Allegretto fis-Moll) setzte Grigory Sokolov ein melancholisches Fragezeichen – Abschied?
Noch nicht, denn die Trois Mazurkas Opus 50, gut fünf Jahre später entstanden, öffneten ein Schatzkästlein voller subtiler Nuancen und brahms’scher Weitschweifigkeit. Grigory Sokolov wandelte sich zum lustvollen Flaneur.
Und blieb auch in Robert Schumanns »Waldszenen« derselbe. Jemand, der verweilend stehenbleibt und betrachtet, der Traumsequenzen und rhapsodische Abschnitte – erneut en miniature – verband und mystische Orte entstehen ließ. Den »Abschied« setzte er beherzt – so wie der Waldspaziergänger frohgemut nach Hause geht, weil er sicher wiederkommen wird, sind auch die Zugaben von Grigory Sokolov unverzichtbar. Bis zu sechs können es sein, eine magische Zahl, das halbe Dutzend. Die 6 gilt als vollkommene Zahl, steht für Glück, Harmonie und Kraft. Für den Pianisten wohl nicht minder als für das Publikum. Mit Rameau (den Sokolov gerade in Zugaben gern belehnt), Chopin, einer Chaconne von Henry Purcell (offenbar aus jenem Programm aus der Zeit »zwischen Leipzig«) und einem Präludium (Bach / Siloti, e-Moll) waren Glück und Harmonie wieder einmal hergestellt. Nun müssen sie für zwei Jahre reichen (?).
2. Mai 2024, Wolfram Quellmalz
Wer mag schon zwei Jahre warten? Bevor in der nächsten Saison wieder zahlreiche Pianisten nach Leipzig kommen, wird Hélène Grimaud in genau einem Monat Beethoven, Brahms und Bach spielen. Bach in der Bachstadt? Klar – aber in der Fassung von Ferruccio Busoni. Wem das nicht modern genug ist, der hat im Mai noch zwei Gelegenheiten, Klavierstunden mit Steffen Schleiermacher im Gewandhaus zu erleben. Nach Erik Satie (heute) stehen am 15. Mai Morton Feldmann sowie am 30. John Cage im Mittelpunkt.