Vom Bach bis zur Moldau

Domorganist Lukas Maschke ließ Sterne und Trolle im Orgelkonzert tanzen

Der Gast des Dresdner Orgelzyklus‘ am Mittwoch in der Kreuzkirche stammte ursprünglich aus Thüringen. Über verschiedene Hochschul- und Assistenzstationen, unter anderem am Erfurter Dom, gelangte Domorganist Lukas Maschke 2013 zu seinem derzeitigen Bestimmungsort, dem Ludgerus-Dom in Billerbeck (Münster). Dort wurde nicht nur die große Fleiter-Orgel des Doms erneuert, sondern eine neue Chororgel der Orgelbau Waltershausen GmbH installiert. Sie verfügt über zwei Effektregister, deren eines wohl einzigartig sein dürfte: auf Tastendruck erscheinen zwei hölzerne Gänse, wozu ein an schnatternde Gänse erinnerndes Geräusch erklingt. Neben diesem Mysterium-Ludgeri-Register (Geheimnis des Ludgerus) erinnert auch das zweite, Fons Salutis (Quelle des Heils) an die Legende, wonach Ludgerus in einer Dürrezeit zwei Gänse eine Wasserquelle suchen (und finden) ließ.

Ob sein Arbeitsort und dessen Orgeln Lukas Maschke verleitet haben, »Natur-Programmmusik« auf den Programmtitel zu schreiben? Wie dem auch sei – auf der Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche wußte er Schnattern, Sternenglanz und fließende Wasser effektvoll darzustellen. Begonnen hat er sein Programm aber mit Johann Sebastian Bachs Praeludium et Fuga G-Dur (BWV 541). Alles andere als Programmmusik erwies sich das Werkpaar als Musterbeispiel an Themenverarbeitung, Kontrapunktik und Fugentechnik, und eine der fröhlichsten Fugen Bachs.

Vorgespräch »Unter der Stehlampe« in der Schütz-Kapelle der Dresdner Kreuzkirche mit Kreuzorganist Holger Gehring und Domorganist Lukas Maschke, Photo: NMB

Mit François Couperin entfernte sich Lukas Masche zeitlich ein wenig von Bach, wichtiger war aber der stilistische Umschwung. Les Sylvains (Die Waldgeister, aus den Pièces de Clavecin, Livre 1), La Commère (Die Klatschtante, Livre 2) und Les Canaries (Die Kanarienvögel, Livre 1) sind originär nicht für eine (große) Orgel geschrieben, sondern für Tasteninstrumente, wobei diese durchaus »höfisch« gedacht waren, also große Cembali mit Effektregistern berücksichtigten. Auf die Jehmlich-Orgel lassen sich solche kleinteiligen, flimmernden und glitzernden Stücke voller tragfähiger Ornamente offenbar bestens übertragen. Geheimnisvoll schien ein Windhauch zwischen zwei fast figurativen »Waldgeistern« zu gehen, während die »Klatschtante« zum Glück zwar viel, aber fröhlich schnatterte – sie war also näher an Bach als an den Gänsen. Der Gesang der »Kanarienvögel« erklang dafür um so melodischer, harmonischer und virtuoser.

Gerade im Umgang mit Registern präsentierte sich der Domorganist zielgerichtet und versiert und kam dabei ohne Registranten aus. Manches Werk, wie Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite, konnte dabei durchaus noch gewinnen. Vielleicht, weil hier die Orchesterfarben in der Bearbeitung von Harvey B. Gaul besonders gut getroffen waren? Chromatisch schimmernd und mit Polycharakteristik dämmerte die »Morgenstimmung« herauf, »Åses Tod« entwickelte sich über eine spannungsvolle dynamische Rampe bis zu einem Höhepunkt – die Motivumkehr leitet auch den musikalischen Rückzug ein. »In der Halle des Bergkönigs« schließlich schienen die Kobolde Boléro zu tanzen …

Sehr kontrastreich fielen zwei »Bilder« von Louis Vierne aus. Denn »Étoile du soir« (Abendstern) und »Hymne au soleil« (Hymne an die Sonne) unterschieden sich mehr als nur in der Helligkeit. Während »Étoile du soir« quasi in der Umkehr von Griegs Dämmerung das aufglimmen der Nachtsterne funkelnd in Szene setzte, entwickelte sich die im Vergleich zunächst grell scheinende »Hymne au soleil« als Sonnenfest. Faszinierend war, wie unterschiedlich Vierne die Lichtstufen in beiden Stücken eingefangen hat.

Noch einmal sinfonisch wurde es am Schluß mit Bedřich Smetanas »Vltava« (Die Moldau, aus: »Má vlast« / Mein Vaterland). Strömend und sprudelnd verwoben sich die Themen, mittendrin erinnerte die kleinteilige Motivik der »Bauernhochzeit« ein wenig an Couperins effektvolle Musik.

Auch wenn die Übertragung vielleicht nicht so elegant war wie bei Grieg (oder die Transkription des sinfonischen Werkes sich hier an eine Grenze stieß), war der Ohrenschmaus doch beträchtlich, was das Publikum entsprechend quittierte. Lukas Maschke bedankte sich mit »O fortuna« aus Carl Orffs »Carmina burana« – ob er das nächste Mal noch mehr Waldgeister oder gar vertonte Hieronymus-Bosch-Bilder mitbringen wird?

6. Juni 2024, Wolfram Quellmalz

Mit dem nächsten Konzert des Orgelzyklus »Internationales aus Flandern« in der Kreuzkirche beginnen die Internationalen Dresdner Orgelwochen. Außerdem ersetzt ab 22. Juni jeweils sonnabends 15:00 Uhr der Orgelsommer die Kreuzvespern, die während der Schulferien pausieren.

In der kommenden Woche spielt Kreuzorganist Holger Gehring Musik der Jubilare 2024 an der Kern-Orgel der Frauenkirche, eine Woche später kommt Domorganist Daniel Beckmann (Mainz) von der jüngsten Domorgel an die älteste. https://www.kreuzkirche-dresden.de

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