Orpheus‘ letzte Chance?

Monteverdis Meisterstück noch einmal an der Semperoper

Es gab Zeiten, da tat sich die Semperoper schwer mit ihren Barockproduktionen von Händel oder Hasse. Oder lag es schlicht daran, daß das Haus für Wagner und Strauss ideal, für Barock aber zu groß ist? Daß es nicht so viel Liebhaberpublikum gibt? Im vergangenen Jahr strafte Nikolaus Habjan mit seiner mythologisch-märchenhaften Inszenierung um Startenor Rolando Villazón solche Gedanken allerdings Lügen, denn Claudio Monteverdis »L’Orfeo«, damals erstmalig (!) am Haus inszeniert, entwickelte sich zum Publikumsliebling und rutsche danach ins Repertoire – zumindest für diese Spielzeit. Vier Aufführungen (auch Im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele) wurden gespielt, dann ist (vorläufig) Schluß. Ob »L’Orfeo« später einmal wiederkehren wird, läßt sich derzeit nicht absehen – es wäre zu hoffen, die ausverkauften Vorstellungen sollten es eigentlich nahelegen.

La Musica (Alice Rossi) erzählt die Geschichte von Orfeo, Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

Orpheus‘ Schicksal berührt uns nach wie vor. Vor allem, wenn sich Stück, Inszenierung und Besetzung so glücklich fügen. Die Atmosphäre lebt ganz wesentlich vom Bühnenbild Jakob Brossmanns, den Kostümen Cedric Mpakas und den Puppenspielern. Die Bühne stellt einen idyllischen Garten dar, der sich durch eine kurze Drehung binnen kurzem in die Unterwelt verwandelt. Mehr als nur symbolisch ist ein riesiger Olivenbaum, der, als alle Hoffnungen fahren (Euridice starb kurz vor ihrer Hochzeit an einem Schlangenbiß) all seine Blätter verliert. Die Unterwelt ist mit Licht und Rauch geisterhaft in Szene gesetzt.

Mittendrin agieren die beiden Hauptfiguren, Orfeo (erneut Rolando Villazón) und Euridice (Sofia Savenko) in schlichten schwarzen Kleidern – sie werden als Personen durch lebensgroße Puppen dargestellt und damit als Paar herausgehoben.

Eine Botin (Štěpánka Pučálková) verkündet Euridices tragischen Tod, Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

Die musikalische Finesse liegt in Händen von Wolfgang Katschner und seiner lautten compagney BERLIN. Dabei zeigt sich, daß Katschner auch Bühnenpraktiker ist, denn er sorgt mit einer Vielzahl alter Instrumente im Graben und auf der Bühne für flüssige Übergänge und dramaturgische Effekte, beginnend mit dem Einzug der Erzählerin La Musica (Alice Rossi), einem Trommler sowie ein paar Streicher und Bläser des Ensembles. Die Marienvesper, jenes andere Meisterwerk Monteverdis, darf den Schluß – nachdem Orfeo seine Geliebte erneut verloren hat, wird er von Apollo in den Himmel aufgenommen, der ihm ewiges Leben gewährt – noch einmal überhöhen, was die himmlische Weite bzw. die Nichtigkeit allen irdischen Glücks und Unglücks unterstreicht, weil es auch höchst lebendig musiziert wird.

Noch bevor sich Rolando Villazón mit dem ersten Ton unmißverständlich zu erkennen gibt – seine Stimme ist nach wie vor einzigartig – sorgt Alice Rossi für den ersten sängerischen Höhepunkt. Ihr strahlender Sopran ist nicht nur eine gute Erzählerstimme (und später ein sehnsüchtiges Echo), ihm wohnt darüber hinaus ein die Aufmerksamkeit bindender »Hört-hört!«-Duktus inne. Ähnlich brillant und betörend gelingt Štěpánka Pučálková die Rolle der Botin. Sie überbringt leider keine gute Nachricht, was sie aber um so einfühlsamer unterstreicht.

Orfeo (Rolando Villazón) ist verzweifelt, Ensemble, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

Natürlich sollte ein Stück, das sich um die Liebe dreht, von Emotionen getragen werden oder sie zumindest wesentlich einbinden. Darin ist Rolando Villazón ein Meister – auch wenn er anfangs in der dunklen bzw. düsteren, tieferen Lage des Orfeo nicht mühelos »zu Hause« scheint, steigert er sich gerade dann, als er zunächst den Styx befahren muß und dann den Göttern der Unterwelt sein Leid klagt. Wer mochte ihm da nicht willfahren? Die Furien! Denn ihr böses Spiel und nicht die rufende oder zagende Euridice verleitet Orfeo schließlich, sich umzudrehen, weshalb er seine Geliebte noch einmal (diesmal unwiederbringlich) verliert. Aber Villazón konnte sich noch einmal glaubhaft in einen Liebesmonolog steigern, so daß Apollo (milde, über den Dingen ruhend und einfach souverän: Simeon Esper) Orfeo letztlich erhört.

Ute Selbig als Proserpina, Rolando Villazón (Orfeo), rechts: Tilmann Rönnebeck (Plutone), Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

Die Produktion ist stark besetzt, und das obwohl bzw. gerade weil sich Kräfte des Hauses nicht nur um den Stargast fügen, sondern mit ihm, den Puppenspielern und weiteren Gästen ein geschlossenes Ensemble bilden. So gibt es noch in den kleineren oder Nebenrollen immer wieder beglückende Momente der Figurenauslebung oder wenn man eine Stimme unter der Maske erkennt. Ute Selbig (Proserpina), Tilmann Rönnebeck (Plutone) und Rosalia Cid als Nymphe sind hier unbedingt zu erwähnen, aber auch Ilya Silchuk, der mit Justyna Rapacz, Aaron Pegram und Joseph Dennis die Hirten und die Geister spielt.

Ist nun alles verloren? Vielleicht kehren sie ja einst wieder.

4. Juni 2024, Wolfram Quellmalz

Heute zum letzten Mal: Claudio Monteverdi »L’Orfeo«, Sächsische Staatsoper Dresden, mit Wolfgang Katschner (Leitung) und der lautten compagney BERLIN, Rolando Villazón und weiteren

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