Letztes Konzert von Ekkehard Klemm im Rahmen seiner Dirigentenprofessur
Eines kann man Ekkehard Klemm nicht vorwerfen: daß er sich untreu würde. Schon als er vor fast zweiundzwanzig Jahren – damals noch ohne Berufung – das erste Konzert des Hochschulsinfonieorchesters in Dresden dirigierte, standen neben Wolfgang Amadé Mozart als unverrückbarem Bezugspunkt der klassischen Musik Werke des frühen zwanzigsten Jahrhunderts (Korngold), der jüngeren Zeit (Xenakis) sowie eine Uraufführung (Alexander Keuk) auf dem Programm. Der neuen und neueren Musik blieb er stets zugewandt, wie nicht allein die vielen Uraufführungen (auch von Studenten) im Rahmen von Veranstaltungen der Musikhochschule gezeigt haben. Insofern entsprach die programmatische Auswahl zu seinem Konzert, mit der Ekkehard Klemm zumindest seitens der HfM in den Ruhestand verabschiedet wurde, nicht nur einer »Botschaft« und einem Bekenntnis, es dürften tatsächlich Lieblingsstücke gewesen sein. Wie Wilfried Krätzschmars sechste Sinfonie, die, vor fast genau zwei Jahren, von Peter Gülke in Brandenburg uraufgeführt wurde. In Dresden erfuhr sie am Montag und Dienstag eine Erstaufführung.

Nach der offiziellen Verabschiedung durch Lars Seniuk, den neuen Rektor der Musikhochschule, im Anschluß an die Buchvorstellung »Wilfried Krätzschmar und sein kompositorisches Werk« am Montag wandte sich Franz Brochhagen (Dekan der Fakultät 1) im Dienstagskonzert noch einmal an den geschätzten Kollegen und das Publikum. Ekkehard Klemm habe nicht nur die Ausbildung an der HfM der letzten Jahre geprägt, sein engagiertes und streitbares Mitglied der Fakultät gewesen, habe sich Verdienste als Rektor erworben, sein ganzes Tätigsein sei von künstlerischer Redlichkeit gezeichnet.
Insofern war Wilfried Krätzschmars sechste Sinfonie mehr als eine Kost- oder Hörprobe. Sie war seitens des Dirigenten sicherlich ein (weiteres) Bekenntnis zur Gegenwartsmusik, für das Publikum jedoch eine wertvolle Erfahrung, ein Berührungspunkt und – wenn auch nicht bequem – eine Offenbarung.
Die immense Probenarbeit hatte gelohnt, denn Klang, Rede, Gegenrede und Bilder brachen sich hier Bahn, ausgelöst von Pauken und Trommeln. Deren Schläge, durchaus für Schicksalsschläge und Ereignisse stehend, kehrten immer wieder, immer jedoch mit einem Klang, einer Richtung behaftet. Oder mit Fragen nach dem Warum, denn der Komponist setzt sich in seinem Werk mit dem »Dunklen und Abgründen«, den »sich zunehmend ausbreitenden Schatten der Gesellschaft« (Krätzschmar) auseinander. Der Titel »Nachtstücke« schließt also den Alp, die Heineschen Gedanken, die uns des Nachts wachhalten und am stärksten ängstigen, mit ein.
Nach dem eindrücklichen Beginn stürzen Bläser und Streicher in dissonante Klänge. Unbequem? Warum nicht? Schon andere Komponisten ließen aus einem tonalen Chaos Schöpfungen wachsen! Bei Krätzschmar freilich steht das Chaos nicht am Beginn eines Prozesses, er fängt das Jetzt ein. Und gewinnt darin Hoffnungspunkte, klare Gedanken und bildstarke Ausdrucksformen – Spiegel (ein See und das Gebirge dahinter?). Viele Figuren scheinen bedrohlich, Glissandi führen stetig abwärts. Ist die Welt, die Gesellschaft also noch zu retten?
Die Chance dazu besteht, zeigt sich spätestens im Mittelteil, als das »Nachtstück« zu einem sinnlich berührenden Notturno für Englischhorn und Orchester wird. Kraft und Nachdruck liegt in dieser Musik, fliehende Figuren. Die Feinheit des Gedankenstroms zeigt sich noch im Finale, in dem das Stakkato der Streicher in Dynamik und Tempi moduliert wird. Der Hoffnungsschimmer, den das Englischhorn beschreibt, stärkt dieses Finale.

Keines der drei Werke des Abends hatte Ekkehard Klemm zuvor in einem Konzert dirigiert. Für Mozarts Klavierkonzert A-Dur (KV 488) überließ er am Dienstag seiner letzten Studentin Kathrin Thea Herrmann das Pult. Mit Shangyi Han (Klavier) gelang vor allem das Adagio in einem wunderbar gemessenen Metrum schön, während die Pianistin das Allegro assai allerdings recht stürmisch begann. Kathrin Thea Herrmann achtete auf einen angemessenen Kontrast zwischen Bläsertutti und -soli gegenüber den Streichern im Orchester. Eine weitere sechste Sinfonie, nun von Dmitri Schostakowitsch, bildete den Abschluß. In manchem ähnelte sie sogar dem Werk von Wilfried Krätzschmar – in den (ironischen) Marschanklängen, den Schlägen, den verklausulierten Bläserstimmen. An diesem Abend zumindest scheint Krätzschmars Werk hoffnungsvoller, sogar freier, weniger »systematisch«. Das Hochschulsinfonieorchester, nun wieder mit Ekkehard Klemm am Pult, setzte Schostakowitschs hochvirtuose Sinfonie mit berückenden Flöten- und Hornsoli kraftvoll und emotionsgeladen in Szene.
11. Dezember 2024, Wolfram Quellmalz