Webers »Freischütz« im Rahmen der Feierlichkeiten zu 40 Jahre wiederaufgebaute Semperoper
Wenn man jemandem »Oper« erklären will, gehört Carl Maria von Webers »Der Freischütz« neben »Die Zauberflöte« und »Carmen« nicht nur zu einem Kanon gängigster Stücke, die man kennen sollte, er steht auch – seit zweihundert Jahren – für die deutsche romantische Oper. Aber hat ihn nicht die Rezeptionsgeschichte dazu gemacht? Es lohnt immer, gerade bei vielgespielten Stücken, solche Pfade zu hinterfragen, nachzuforschen, »woher« ein Werk eigentlich kam, was ein Autor wollte. Vor zehn Jahren unternahmen fast zeitgleich zwei Opernhäuser den Versuch dazu in Neuinszenierungen des »Freischütz«: während Kay Vogues in Hannover das »Nationale« am Stück herauszuschälen versuchte, schaute Axel Köhler in Dresden hinter die Fassade.

Frei von Rezeptionsgeschichte ist Webers »Freischütz« selbstredend nicht, in Dresden sowieso nicht, wo er als letztes Stück vor der Zerstörung der Semperoper und als erstes nach dem Wiederaufbau auf die Bühne kam. Das liegt nun 40 Jahre (Wiederaufbau) und zweimal 40 Jahre (Zerstörung) zurück, da ist die Fußnote, daß die erste Vorstellung in dieser Spielzeit am Sonnabend die 40. seit der Premiere (1. Mai 2015) war, noch eine Erwähnung wert.

Vor zehn Jahren hatten manche Regisseur Axel Köhler seinen Bezug zum Krieg, Bombern und Feuersturm übelgenommen. Weil es nicht zur deutschen Romantik paßt? Doch »Der Freischütz« zeigt uns ein Volk, das nach einem Krieg (dem Dreißigjährigen) wieder zu leben beginnt. Und natürlich auch feiern möchte. Hochzeiten am besten. Die von Max und Agathe, die Max gleichzeitig mit der Erbförsterei verbinden würde, gilt als gemacht. Nur müßte Max zuvor noch seine Eignung mit einem sauberen »Probeschuß« beweisen …
Der bekommt nicht nur das »Flattern«, auch sonst ist manches ganz schön marode. Das Bühnenbild von Arne Walther zeigt Waldstücke, die einem Caspar David Friedrich gefallen hätten, aber auch ruinöse Häuser. Die Menschen sind kaum weniger beschädigt, traumatisiert, und so artet der Holzschuhtanz zur Schlägerei aus. Schön ist das nicht, aber es trifft einen Kern, beschreibt die Umstände und öffnet Perspektiven. Der Grusel der Wolfsschluchtszene liegt nicht in teuflischen Spukgestalten oder einem als Horrorfigur dargestellten Samiel, sondern in den Bildern der Geschichte – Tote, Bomber, Feuersturm. Da ist’s aus mit der Romantik, das greift an! Nichts für Kinder, zumindest nicht für kleine. (Übrigens lief auch der Hannoveraner »Freischütz« »P16«.)
Aber es stimmt so. Weil dieser Spiegel zur Geschichte gehört und vieles erklärt, selbst die Romantik, die ja doch darin liegt bzw. daraus geboren wurde. Georg Fritzsch bot mit der Sächsischen Staatskapelle schon in der Ouvertüre beides: die subtile Spannung des dräuenden, nicht ausgesprochenen, latent vorhandenen, aber auch die Liebessehnsucht der lyrisch singenden Klarinette. Diese Spannung hielt Fritsch glücklicherweise bis zum Schluß.

Während Tomislav Mužek, mit der Semperoper und der Rolle Max‘ vertraut, binnen Tagesfrist für Maximilian Schmitt einsprang, der sein Hausdebüt damit krankheitsbedingt verschieben mußte, feierte Golda Schultz als Agathe einen zweiten Einstand. Nach dem Silvesterkonzert 2023 kehrte sie zur Staatskapelle zurück und war erstmals auf der Opernbühne zu erleben, wo sie temperament- und lustvoll agierte. Keine zaghafte, verschreckte Agathe, sondern eine leidenschaftliche präsentierte sie dem Publikum, auch hier also kein Biedermeier-Kitsch. Auch deshalb nicht, weil sie mit Mirjam Mesak (Ännchen) eine so ungleiche, aber stimmige Paarung darstellte. Die beiden Cousinen boten – wiederum subtil – innerhalb der Familie ebenso enge Bindung wie Reibungsflächen. Golda Schultz versprühte selbstbewußte Leidenschaft, Agathes »Wie nahte mir der Schlummer« zeigte aber ebenso sensibel die Unsicherheit und Sehnsucht der Braut (sowie die Ambivalenz des Stückes). Ännchens schaurige Gespenstergeschichte ließ ahnen, daß hinter dem lustigen Schluß noch ein anderer Spuk steckt.

Gelacht werden durfte durchaus, aber manchmal blieb einem das Lachen im Halse stecken. Denn Max und Kaspar (Albert Dohmen) spielen weniger in einer romantischen Liebesgeschichte mit, als daß sie uns gesellschaftliche Verantwortung vor Augen führen. Kaspar, ein Verlorener, Kriegsheimkehrer, den sogar der böse Geist Samiel höhnend und herablassend behandelt – ist er nicht letztlich ein gesellschaftliches »Produkt«? Mit Tilmann Rönnebeck (Kuno) und Anton Beliaev vom Jungen Ensemble als frechem Kilian fanden sich weitere Gegenpole und Farbtupfer zu den Akteuren, unter denen auch der erweiterte Opernchor (Einstudierung: Jan Hoffmann) und die Komparserie mit Kindern (Kinderballett des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden) eingebunden war. Die mit ihrem Spiel und dem höhnenden Gelächter, als die Widersacher Kilian und Max zusammenstoßen, die Ambivalenz noch unterstreichen.
Doch hüte sich, wer da richten wollte. Fürst Ottokar (Markus Butter) war kein leuchtendes Beispiel: Übeltäter Kaspar, der durch die teuflische Freikugel schließlich selbst stirbt, läßt er barbarisch in die Wolfsschlucht werfen, während er Max erst mit Bann belegt, ihn aber sogleich – als der Eremit (Alexandros Stavrakakis) einschreitet – gnädiger bestraft. Gerade noch wird verkündet, daß Max ein Probejahr absolvieren muß, der Probeschuß nie mehr stattfinden soll, da zeigt der Fürst den Kindern, die zur Feier kamen, wie man mit einem Gewehr schießt. Wer denkt da nicht, zum 13. Februar oder überhaupt in dieser Zeit, an Martin Luthers Lied »Verleih uns Frieden«, dem Johann Walther dreißig Jahre später eine Strophe hinzufügte: »Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit, Fried und gut Regiment«?
16. Februar 2025, Wolfram Quellmalz
Carl Maria von Weber »Der Freischütz«, Sächsische Staatsoper Dresden, Inszenierung: Axel Köhler, Georg Fritzsch (Musikalische Leitung), mit Maximilian Schmitt (Max), Albert Dohmen (Kaspar), Golda Schultz (Agathe), Mirjam Mesak (Ännchen) und anderen, wieder am 21. und 28. Februar