Sebastian Freitag im Orgelkonzert
Domorganist Sebastian Freitag hat sich viel vorgenommen. Er spielt nicht nur zwei aufeinanderfolgende Konzerte des Dresdner Orgelzyklus‘, sondern wird in diesem Jahr neben seinem Kirchendienst und Konzerten an anderen Orten ganz besonders an der Silbermann-Orgel der Hofkirche (Kathedrale) zu erleben sein, denn am 28. März beginnt er dort einen Bachzyklus, der in fünfzehn Konzerten bis zum 31. Oktober jeweils an einem Freitag sämtliche Orgelwerke des Thomaskantors präsentieren soll.
So wie es für Bach selbstverständlich war, zwischen den Tasten von Orgel, Cembalo oder Clavichord zu wechseln, so selbstverständlich war und ist es für später geborene Komponisten, sich auf Bach zu beziehen. Mit Robert Schumanns Sechs Fugen Opus 60 sorgte Sebastian Freitag am Mittwoch in der Hofkirche für eine ganz direkte Verbindung, schließlich hat Schumann den Namen (bzw. die Noten) B-A-C-H als Thema benutzt. Darüber hinaus überrasche das Programm aber vor allem mit Komponisten, die zumeist ausgesprochene Klaviervirtuosen waren.
So gehörte Johann Nepomuk Hummel einst zu den gefragtesten und – neben Liszt – am höchsten geschätzten Pianisten. Dabei war sein Œuvre keineswegs auf Klavierwerke beschränkt, sondern schließt Ballette, Opern und geistliche Werke ein. Trotzdem sind Stücke für die Orgel wie die zwei Präludien und Fugen Opus posthum 7 in seinem Katalog äußerst rar. Mit anderen Werken des Abends verband sie die Wirkung großer Akkorde sowie im Verlauf eine Steigerung »ins Licht«, also in hellere Sphären. Während das erste Stück (Largo – Fuga) einen zunächst tragisch-hymnischen Gestus anstimmte und über den Wechsel von Hauptwerk und Pedal ins Licht fand, steigerte sich das zweite (Un poco Andante – Allegro moderato) geradezu festlich.
Johannes Brahms‘ Werk ist ähnlich vielfältig wie das von Johann Nepomuk Hummel (auch wenn sich Brahms nicht in der Oper versucht hat). Dem Gesang und Lied mag er aber mehr und tiefer verbunden gewesen sein, was in seinen Choralvorspielen »Schmücke dich o liebe Seele« und »Herzlich tut mich verlangen« (aus Opus 122) deutlich zu spüren war. Sebastian Freitag fand darin einen Seelenspiegel, dessen Sanftheit nicht nur den ursprünglichen Text bzw. dessen Melodie hervorhob, sondern gerade im zweiten Stück empfindsam noch in der Begleitung blieb.
Ernst Köhler war unter den Komponisten des Abends vielleicht der originärste Organist, allerdings findet man zu ihm kaum überlieferte Lebensdaten und -fakten. Seine Präsentation eines Themas aus der Oper »Faust« von Louis Spohr schien noch sehr schlicht, in den Variationen wurden aber die verspieltesten Register gezogen. Obwohl Köhler das Thema nicht verändert, moduliert oder auf den Kopf stellt wie Bach (oder später Schumann), ergaben sich charakteristische Stimmungsbilder zwischen gedämpft und glanzvoll strahlend, bevor Sebastian Freitag das Stück nach einem Gipfelpunkt im Finale sachte auf den Boden holte und beruhigt ausklingen ließ.
Wie man ein Thema bzw. das Thema B-A-C-H auf den Kopf stellt oder rückwärts laufen läßt (sogenannter Krebsgang), hatte Robert Schumann in seinen Sechs Fugen über den Namen BACH gezeigt. Gemeinsam mit seiner Frau hatte sich Schumann intensiv mit dem Pedalspiel befaßt und dafür sogar eigens einen Flügel angeschafft, auf dem auch die Studien in Canonischer Form entstanden. Der Vorwurf, Schumanns Orgelwerke seien zu pianistisch, sollen hier aber (ebenso wie bei Hummel oder Liszt) nicht gelten, dafür sind sie viel zu originell!
Die erste und letzte der Fugen teilen das Charakteristikum, aus dem »Dunklen« (langsam bzw. mäßig) in lichte Gefilde aufzusteigen. Besonders beglücken konnte die zweite, von Schumann schlicht mit »lebhaft« bezeichnet, in der Sebastian Freitag verspielte barocke Figuren in einem modernen (romantischen) Gewand zeigte, die mit Polyphonie beeindruckte und in einem kleinen Finale gipfelte. Doch Robert Schumann ließ »Mit sanften Stimmen«, einem weiteren »Lebhaft« und der Schlußfuge noch weitere Fassungen folgen, die teils luftig gerieten, aber auch an den Liedkomponisten erinnerten.
27. Februar 2025, Wolfram Quellmalz

Mit »Fabelwelten« ist Sebastian Freitag am kommenden Mittwoch gleich noch einmal im Orgelzyklus zu erleben (20:00 Uhr, Frauenkirche). Alle Termine des Bach-Zyklus unter: